Sex in Zeiten des Internet
Philippe Boesmans ist nicht der erste, aber der bislang erfolgreichste Komponist, der Arthur Schnitzlers «Reigen» auf die Opernbühne brachte. Das «erektiefste» Stück , so das Bonmot des Schnitzler-Freundes Richard Beer-Hofmann, das bei seiner Uraufführung einen Theaterskandal auslöste, bietet mit seiner Variationsstruktur des Immergleichen – zehn Paare finden sich in zehn Szenen zur sexuellen Vereinigung zusammen – ideale Voraussetzungen für einen musikdramatischen Zugriff.
Schnitzlers kunstvoll die Umgangssprache stilisierenden Dialoge enthüllen mit gesellschaftskritischer wie psychologischer Tiefenschärfe die Fremdheit zwischen den Geschlechtern. Zum Sex kommt es immer, zur Begegnung nie. Das uneigentliche, mal hilflose, mal ironische Aneinander-Vorbeireden macht diesen Liebesreigen zeitlos, sodass er auch in unserer Welt der Dating Apps und des Cyber-Sex noch funktioniert.
Boesmans’ gefällig-virtuose Musik mit ihren unüberhörbaren Anklängen an Berg und das Fin de Siècle allerdings taucht Schnitzlers gnadenlose Abrechnung mit der bürgerlichen Doppelmoral in ein nostalgisches, ja oft geradezu verklärendes Licht. Nur selten findet sie freche Töne – dann aber gleich für Schwerhörige, ...
Weiterlesen mit dem digitalen Monats-Abo
Sie sind bereits Abonnent von Opernwelt? Loggen Sie sich hier ein
- Alle Opernwelt-Artikel online lesen
- Zugang zur Opernwelt-App und zum ePaper
- Lesegenuss auf allen Endgeräten
- Zugang zum Onlinearchiv von Opernwelt
Sie können alle Vorteile des Abos
sofort nutzen
Opernwelt Juni 2016
Rubrik: Panorama, Seite 54
von Uwe Schweikert
Das Kammerduett. Es war die Form, die ihm vielleicht am besten lag. Zwei Stimmen plus Cembalo, Laute(n) und Gambe – das reichte, um in so zuvor noch nicht gemischten Farben auszudrücken, was er in sich hörte. Agostino Steffani, 1654 im Veneto geboren, schöpfte vor allem aus Quellen des 17. Jahrhunderts, doch die fand er nicht nur in Italien, sondern auch in...
In tiefem Dunkel liegt der Raum. Vorn schneidet eine ovale Deckenleuchte eine Höhle aus Licht in die Finsternis. Kalter Glanz fällt auf starre Schwingen, matte Glieder und gefiederte Gelenke, achtlos gehäuft: Mehr ahnt man die Vogelleichen, als das man sie erkennt. Aus dem Hügel ragt, blendend weiß, eine Menschenhand hervor.
Von hinten schiebt sich eine Phalanx...
Dass man diesen ungekürzt gegebenen, fast vier Stunden dauernden »Mathis« sofort noch einmal hören möchte – das ist zunächst einmal Markus Marquardt zu danken, der bereits dem mordenden Goldschmied Cardillac (2009 unter Fabio Luisi, in einer Inszenierung von Philipp Himmelmann) am Uraufführungsort prägnant Stimme und Gestalt verliehen hatte, und nun Mathis, diesen...
