Reine Erinnerung, schmutzige Riten
Elf Festivaltage, prall gefüllt mit ebenso vielen Produktionen in 24 Vorstellungen, dazu noch einige Begleitveranstaltungen von Gesprächsformaten bis zu Konzerten, bei denen zumindest zum Teil nicht ganz klar war, ob sie nicht durch ihren Performance-Anteil gleichfalls zum Szenischen gerechnet werden müssten: also doch 13 Produktionen, die 26-mal gegeben wurden? Statistische Unschärfen wie diese sind gleichsam Programm bei den Musiktheatertagen Wien.
Verantwortet vom Leitungsduo Thomas Cornelius Desi und Georg Steker hat das Festival in schlagkräftiger Dichte wieder Grenzgänge in unterschiedliche Regionen des Genres unternommen – zu Film, Virtual Reality, Publikumsbeteiligung.
Das nötige Dach über dem Kopf bot ihnen wieder, einem gerade laufenden Umbau zum Trotz, das alternative Kulturzentrum WUK (Werkstätten und Kulturhaus) in der Wiener Währinger Straße, eine ehemalige Lokomotivfabrik, die mehrere Säle in jeweils geeigneter Größe zur Auswahl hat. Andernorts hinzu kamen noch die mobile Produktion «R¡NGD!NG», eine Fahrradoper, bei der das Publikum via Drahtesel (oder Scooter) Opernsängerinnen und Opernsängern zu fünf Stationen in der Stadt folgte, sowie «No Distance Left to Sound» von Alexander Chernyshkov, das irgendwo zwischen Alvin Lucier und Jacques Tati angesiedelt war und vom Konzept her einen Uni-Hörsaal als Schauplatz benötigte.
Eine Vielfalt der vermittelten Inhalte und künstlerischen Methoden war also die Maxime; «Welche Welt wollen wir?», so lautete das fragende Motto. Wie es hoffentlich einmal nicht sein wird, aber werden könnte, dies behandelte gleich die Eröffnung mit dem im Untertitel «Archeological Opera» genannten, relativ groß besetzten Zweistünder «Chornobyldorf», einer Produktion der ukrainischen Kompanie «Opera Aperta» von und mit Roman Grygoriv und Ilia Razumeiko, die zusammen Libretto, Musik und szenische Umsetzung schufen. Der Titel dieser «fiktiven Zukunftsarchäologie aus dem 24. bis 27. Jahrhundert» ist ein Kunstwort, verschmolzen aus der ukrainischen Schreibweise jenes Orts, an dem sich 1986 die bekannte Nuklearkatastrophe ereignet hat, und dem niederösterreichischen Zwentendorf: Dort steht das erste und einzige Atomkraftwerk des Landes, das freilich 1978, noch vor Inbetriebnahme, in Folge einer Volksabstimmung stillgelegt wurde. Jüngste Erfahrungen aus dem Krieg flossen mit ein in diese eindringliche Szenenfolge, die zwischen vermeintlich reiner Erinnerung und schmutzigen Riten oszilliert. Volksmusik und verstimmte Instrumente, traditionelle Bauerntracht, Barockkostüme und nackte Haut, Filmszenen und Live-Aktion, Gesang, Instrumentalspiel und Darstellung: Im Ensemble greift alles ineinander zu starker, poetisch-rätselhafter Gesamtwirkung.
Hermetischer, weil in den angewendeten Mitteln strenger und karger, wirkte dagegen «Kassandra» der chinesisch-ukrainisch-deutschen Komponistinnen-Trias Huihui Cheng, Anna Korsun und Katharina Roth. Konvergierende Gesangsaktionen zweier priesterlicher Protagonistinnen, ebenso schwarz verhüllt wie die fallweise mitmischenden Schöpferinnen, die sonst an Laptops zugange waren; eine begehbare Inszenierung mit großer Skulptur aus Fäden, Gewichten und Objekten, mit denen geräuschvoll hantiert wurde, Textund Bildzitate via Projektionen, kultisches Anund Ablegen von Rüstungs- und Körperschmuckteilen, Stehen und Starren, Laufen und Jaulen: ansprechend, aber in Summe und auf die Dauer in den Absichten zu diffus.
Völlig konkret, diesseitig und sinnlich gab sich dagegen «VR-Bania» aus der Reihe „European Kitchen Encounters“ (Civic Opera Creations). Interviews mit den Bewohnerinnen und Bewohnern der Stadt Verbania über Essen, Essgewohnheiten und die italienische Küche im Allgemeinen sind Einsprengsel in einem Virtual-Reality-Film, den man mit VR-Brillen miterlebt. Die Zubereitung eines Risotto giallo con salsiccia wird zum Ausgangspunkt und Teil gegenseitig abgestimmter instrumentaler Improvisationen, betrachtet so, als rage der eigene, 360-Grad-bewegliche Kopf aus der Tischmitte zwischen den beiden Akteuren heraus (Komposition: Manuel Zwerger, Regie und Text: Carmen C. Kruse): mehr nicht, reicht aber für ein tatsächlich rundum sympathisches Erlebnis. Die in mehrerlei Hinsicht grenzüberschreitende Wirkung konnte dieses aber eigentlich erst hinterher entfalten: Da nahm das Publikum bei Tisch Platz, bekam schmackhaftes Risotto nach eben jenem Rezept kredenzt und konnte sich mit Regisseurin und Komponist über die Entstehungsumstände vom Konzept bis zur Ausführung unterhalten. Die virtuelle, also bloß scheinbare Nähe zu einem Kunstobjekt wurde dabei abgelöst von der menschlich-direkten Begegnung im sozialen Akt gemeinsamen Essens.
Von solcher Nestwärme zu erschreckender Kälte und Distanz führte schließlich «Mitra» von Jorge León (Konzept, Regie) und Eva Reiter (Komposition, Livegesang). Diese Kreuzung aus Filmdokumentation und Musiktheater beleuchtet die wahre Geschichte der iranischen Psychoanalyse-Pionierin Mitra Kadivar, die 2012, von Nachbarn angeschwärzt, in der dortigen Psychiatrie zwangsbehandelt und nur über internationalen Druck befreit werden konnte. Mailzitate, Interviewschnipsel, manchmal etwas willkürlich und plakativ wirkende Filmszenen, ironische Minichöre, etwas Sologesang (Claron McFadden) und beklemmende Liveaktion einer anonymen Person im Bauschutt mit nimmermüden Versuchen, aus Ruinen etwas Neues, Sinnvolles zu bauen; alles amalgamiert durch Soundscapes: gut gemacht, wenn auch vom zugrunde liegenden Theaterbegriff her eine der konservativeren Produktionen.
Opernwelt 11 2022
Rubrik: Magazin, Seite 77
von Walter Weidringer
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