Ein echter Coup
Die Augen, die Wangenknochen, die Bewegungen – es könnte eine Enkelin von Cher sein, gesegnet mit einer Stimme, hell, höhensicher, schlank, mit apartem Vibrato, die für Susanna oder Cleopatra taugt. Doch die Frau ist ein Kerl, wie alle hier, somit authentisch: Zur Zeit der Uraufführung 1729, als die Geistlichkeit ihre Mätressen schwängerte, verbot sie gleichzeitig den Frauen die Bühne.
Und wie aus «Notwehr» ein verblüffend prickelndes Gender-Schillern werden kann, führt bei der Wiederbelebung von Leonardo Vincis «Alessandro nell'Indie» besonders Bruno de Sá als indische Königin Cleofide vor.
Doch keine Transenparade, kein Dragqueen-Auflauf! Für Max Emanuel Cencic, Festivalchef von Bayreuth Baroque und erneut als Regisseur aktiv, ist die Verkleidung Mittel zum Zweck. Das begeisterte Publikum im Markgräflichen Opernhaus holt er auf der kulinarischen Ebene ab. Samt und Seide dürfen in Farbexplosionen bauschen, während das Funkeln von Strass, Pailletten oder anderem Ersatzmaterial die Netzhaut fast überfordert. Eine Bollywood-Orgie, die Vincis Dreiakter für Hintergründiges nutzt. Fast 300 Jahre lang wurde das Stück nicht gespielt. Das Libretto von Pietro Metastasio war ein Bestseller ...
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Opernwelt 11 2022
Rubrik: Panorama, Seite 38
von Markus Thiel
Man kämpft sich, vom Bahnhof Friedrichstraße kommend, durch die Masse von Demonstrierenden, die Freiheit und Selbstentfaltung der Frauen im Iran fordern, und denkt sich: «In der Komischen Oper gibt es gleich Nonos ‹Intolleranza›. Da geht es auch um das, was Menschen anderen Menschen antun können!» Und man ertappt sich dabei, die eigene Lebenswelt im zufälligen here...
Die Revolution in Frankreich 1789 war auch eine der Oper. Erstmals wurden politische Tagesereignisse auf die Bühne gebracht, ohne mythologische oder komödiantische Verkleidung. Die zwischen 1792 und 1794 entstandenen Revolutionsopern von Grétry, Gossec und Méhul dienten unverhohlen der republikanischen Propaganda, die allerdings schon bald unter Napoleon nicht mehr...
Erich Wolfgang Korngolds Oper «Die tote Stadt» gehört zu den Werken, deren Rezeptionsverlauf von den Einschlägen der Zeitgeschichte schwer getroffen wurde. Als Korngold das Werk im Alter von 23 Jahren schrieb, war er ein erwachsengewordenes Wunderkind, das imstande gewesen wäre, sich dauerhaft mit Richard Strauss und Giacomo Puccini zu messen, hätten ihn nicht die...
