Nicht zu fassen, dieser Schubert
Einen Liederzyklus von Franz Schubert mit dem Titel «Poetisches Tagebuch» gibt es nicht, wohl aber neun Einzellieder auf Texte des jung verstorbenen romantischen Dichters Ernst Schulze, die Schubert der posthumen Ausgabe von dessen «Poetischen Tagebuch» entnahm. Nur zwei dieser Lieder hat Schubert zu einem Liederheft mit eigener Opuszahl zusammengefasst, darunter «Auf der Bruck» D 853, das gemeinsam mit «Im Frühling» D 882 zu den bekanntesten dieser Lieder, wenn nicht Schuberts überhaupt zählt.
Es ist von großem Reiz, die neun Lieder einmal als Gruppe wahrzunehmen, denn in ihnen sind hier und da bereits Vorboten der «Winterreise» zu vernehmen, besonders eindrücklich in «Über Wildemann» D 884. Christoph Prégardien und Julius Drake lassen in ihrer intensiven und detailgenauen Interpretation diese Nähe spüren. Auch wenn Prégardiens Stimme mittlerweile etwas herbstlich klingt und so mancher Ton recht spröde gerät, beeindruckt seine Gestaltungskunst nach wie vor. Wie nur wenige Liedsänger versteht er die Musik als Trägermedium des Worts. Selbst bei einem so melodischen Lied wie «Im Frühling» ist es die Sprache, die Klang und Phrasierung formt und jeden Anflug von Wunschkonzertseligkeit ...
Weiterlesen mit dem digitalen Monats-Abo
Sie sind bereits Abonnent von Opernwelt? Loggen Sie sich hier ein
- Alle Opernwelt-Artikel online lesen
- Zugang zur Opernwelt-App und zum ePaper
- Lesegenuss auf allen Endgeräten
- Zugang zum Onlinearchiv von Opernwelt
Sie können alle Vorteile des Abos
sofort nutzen
Opernwelt Februar 2016
Rubrik: Hören, Sehen, Lesen, Seite 24
von Thomas Seedorf
Welk sind die Blätter, Eis deckt die Seen, traurig ziehen die Vögel gen Süden. Traurig, denn der Norden ist ihre Heimat, seinem Himmel gilt ihre Sehnsucht. Jean Sibelius veröffentlichte das Lied «Norden» im Jahr 1917 als erstes seiner sechs Lieder op. 90. Ein schwedisches Gedicht seines Lieblingsautors Johan Ludvig Runeberg liegt ihm zugrunde. Es steht für alles,...
Die schwebende Kantilene des Vorspiels, mit der Verdi Liebe und Tod der Violetta auf den Plan ruft, lässt Daniel Barenboim von den vierfach geteilten Streichern fein schattiert auftragen. Und er fügt den Phrasen eine Emphase des Seelischen hinzu: So nachdrücklich im An- und Abschwellen der Töne hört man das Preludio selten. Auf der Bühne begibt sich währenddessen...
Herr Rothe, seit letzten Oktober müssen die Sächsischen Staatstheater mit fremdenfeindlichen Protesten direkt vor der Haustür umgehen.
Jeden Montag erleben wir, wie sich in Dresden die Atmosphäre verdüstert. Am nächsten Tag wirkt die Stadt dann wieder, als wäre alles in Ordnung – aber jeder weiß, dass das nicht stimmt. Unheimlich ... Angefangen hat alles im Oktober...
