Rieselnde Zeit
Die schwebende Kantilene des Vorspiels, mit der Verdi Liebe und Tod der Violetta auf den Plan ruft, lässt Daniel Barenboim von den vierfach geteilten Streichern fein schattiert auftragen. Und er fügt den Phrasen eine Emphase des Seelischen hinzu: So nachdrücklich im An- und Abschwellen der Töne hört man das Preludio selten. Auf der Bühne begibt sich währenddessen theatrale Empathie: Eine in Schwarz gehüllte Trauernde legt stumm eine weiße Blume auf die Bühne wie auf ein Grab.
Regisseur Dieter Dorn erzählt in zweieinviertel pausenlosen Stunden die Geschichte vom Lieben und Sterben einer Frau, beschwört den Mythos von der Vergänglichkeit des Lebens.
Ruckartig stürzt sich Verdis Musik nach dem Vorspiel in die rauschende Lustbarkeit des Pariser Salons der Violetta Valery. Der Staatsopernchor (Martin Wright) müht sich um Intonationsübereinkunft. Eine modisch eingekleidete Männergesellschaft und die in Abendroben aufgetakelte Damenwelt feiern eine eher genügsame Party (Kostüme: Moidele Bickel). Als Salon steht ein halbrunder schwarzer Raumzylinder mit Türen atmosphärelos zur Verfügung (Bühne: Joanna Piestrzynska). Das Ambiente wird zentral von einem mächtigen Spiegel beherrscht, dessen ...
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Opernwelt Februar 2016
Rubrik: Panorama, Seite 35
von Wolfgang Schreiber
Nicht selten kommt man durch etwas ganz anderes ins Gerede als durch sein eigentliches Talent. Als Beispiel sei der Stinkefinger des Fußballers Stefan Effenberg erwähnt. So etwas wie einen visuellen Stinkefinger hat man auch dem russischen Bariton Evgeny Nikitin untergeschoben, in Form einer Swastika, die er sich als Schlagzeuger einer Heavy-Metal-Rockband auf die...
«Das Vertrauen junger Menschen erwirbt man am besten dadurch, dass man nicht ihr Vater ist»: Der Aphorismus von Henry de Montherlant könnte als Gebrauchsanweisung für Verdis «Luisa Miller» (1849) dienen. Luisa und ihr Geliebter Rodolfo würden dem Franzosen dafür vermutlich all die Rosen streuen, die in Paul Esterházys Grazer Inszenierung so reichlich appliziert...
Ein Dorf in Süditalien haben Bühnenbildner Paolo Fantin und Regisseur Damiano Michieletto für Mascagnis «Cavalleria rusticana» und Leoncavallos «Pagliacci» an Covent Garden skizziert. Keinen Postkartenort, sondern eine schmuddelige Siedlung in einer wirtschaftlich maroden Gegend, mit Satellitenschüsseln als Fassadenschmuck und bröckelndem Putz. Man ahnt, wie sich...
