Mit den Songs kamen die Tränen
Abschiede sind schwer, sie tun in der Seele weh, manchmal sind sie sogar unaushaltbar, weil man weiß: Es wird endgültig sein, auf immer. Trost spendet in solchen Fällen nicht einmal der Himmel. Es sei denn, er hängt voller Geigen. Wie im vorliegenden Fall, einem Duett, dem nur derjenige widerstehen kann, der sich sein Herz ausgerissen oder es zugemauert hat.
Eine göttliche Musik ist das, sentimental bis zur Tränengrenze, aber so tröstend, dass man sie überall mit hinnehmen möchte: «Reich mir zum Abschied noch einmal die Hände», singt das hohe Paar, schaut sich dabei tief und die Augen und weiß selbst vermutlich gar nicht mehr, wohin mit all den Gefühlen.
Der Zwiegesang der beiden «Königskinder», die zusammen eigentlich nicht kommen können, es am Ende aber dennoch tun, zählt zu den berühmtesten Schlagern in Paul Abrahams Operette «Viktoria und ihr Husar». Ein Liebeswalzer, wie er typisch war für den Komponisten, voller Herzschmerz, Sehnsucht und schluchzender Melodik. Ende der 1920er-Jahre, die Depression bemächtigte sich Deutschlands mehr und mehr, kam so etwas gut an.
Zugleich aber lag in den Zeilen eine Prophetie, die ihre Schöpfer, die Librettisten Fritz Löhner-Beda und Alfred ...
Weiterlesen mit dem digitalen Monats-Abo
Sie sind bereits Abonnent von Opernwelt? Loggen Sie sich hier ein
- Alle Opernwelt-Artikel online lesen
- Zugang zur Opernwelt-App und zum ePaper
- Lesegenuss auf allen Endgeräten
- Zugang zum Onlinearchiv von Opernwelt
Sie können alle Vorteile des Abos
sofort nutzen
Opernwelt Januar 2022
Rubrik: Im Focus, Seite 20
von Jürgen Otten
Der Psychokrimi «Die tote Stadt» machte Erich Wolfgang Korngold früh weltberühmt. In seiner im Dezember 1920 parallel in Hamburg und Köln aus der Taufe gehobenen Oper balancierte das 23 Jahre junge Wiener Wunderkind traumwandlerisch zwischen expressionistischer Orchesterwucht und süßlich satten Vokallinien. Doch es folgte nicht der kühne Aufbruch in die Moderne,...
Der Herr ist doch zu Haus. Kaum bricht das brachiale initiale Agamemnon-Motiv aus dem Orchester hervor, lässt er sich umständlich von einer Domestikendame in den Mantel helfen, um sich – auf dem Weg vom deutlich mit Patina überzogenen Wiener Palais zu einem Geschäftsgang in die Stadt – kurz noch mit einem übergriffigen Kuss über das junge Ding herzumachen. In...
Himmel, hilf! So wohl muss man die Worte verstehen, mit denen sich Ägyptens geplagte Königin an die Götter wendet, in der Hoffnung, sie mögen ihren Qualen ein Ende setzen. Gefühlt 99 Mal haucht Cleopatra die Worte «giusto ciel» in den imaginären Saal, und immer flehentlicher klingt diese évocation sentimentale, immer verzweifelter, vergeblicher. Keine Frage, die...
