Süßer Schauder
Der Herr ist doch zu Haus. Kaum bricht das brachiale initiale Agamemnon-Motiv aus dem Orchester hervor, lässt er sich umständlich von einer Domestikendame in den Mantel helfen, um sich – auf dem Weg vom deutlich mit Patina überzogenen Wiener Palais zu einem Geschäftsgang in die Stadt – kurz noch mit einem übergriffigen Kuss über das junge Ding herzumachen.
In seiner Adipositas (gottlob ist sie nicht den Körpermaßen von John Daszak geschuldet, sondern den Künsten der Kostümbildnerin Elena Zaytseva) gleicht dieser (glasklar singende) Aegisth einem kleinen Bruder des Barons Ochs auf Lerchenau.
Überhaupt sieht der Beginn dieser «Elektra», die Dmitri Tcherniakov als Regisseur und Bühnenbildner verantwortet, verdächtig nach Strauss’ «Rosenkavalier» aus. Die fünf Mägde nebst Aufseherin und sogar Hausherrin Klytämnestra hocken kichernd beim Kaffeekränzchen beisammen. Die Damen versuchen längst nicht mehr, das Blut vom Boden zu wischen, das durch all die Morde und Gräuel über Generationen in den Boden eingesickert ist. Stattdessen pflegen sie die Rituale einer spätspießbürgerlichen Gesellschaft, die über die eigenen Abgründe den Mantel der Verdrängung oder, wenn das doch nicht mehr geht, ...
Weiterlesen mit dem digitalen Monats-Abo
Sie sind bereits Abonnent von Opernwelt? Loggen Sie sich hier ein
- Alle Opernwelt-Artikel online lesen
- Zugang zur Opernwelt-App und zum ePaper
- Lesegenuss auf allen Endgeräten
- Zugang zum Onlinearchiv von Opernwelt
Sie können alle Vorteile des Abos
sofort nutzen
Opernwelt Januar 2022
Rubrik: Im Focus, Seite 10
von Peter Krause
Nun hat die Deutsche Oper am Rhein ihren «Ring» auch auf CD vollendet. Die überregional vielbeachtete, 2017 in Düsseldorf begonnene Inszenierung Dietrich Hilsdorfs kam unter Leitung von GMD Axel Kober in Düsseldorf mit den dortigen Symphonikern, in Duisburg mit den ortsansässigen Philharmonikern sowie in teilweise unterschiedlichen Besetzungen heraus. Dort sollte...
In der Bibel ist die Geschichte von Kain und Abel schnell erzählt. Ein paar Verse. Nicht mehr. Viele Fragen bleiben. Warum wird das eine Opfer angenommen? Warum das andere verschmäht? Warum verliert das Buch der Bücher kein einziges Wort über das Elternpaar Adam und Eva? Wie kommt es zu dem Brudermord? Und was hat es eigentlich mit dem Kainsmal auf sich? Wie sieht...
Der Satz ist, wiewohl etwas altfränkisch in seiner Semantik, Legende und als «kategorischer Imperativ» in die Philosophie- und Kulturgeschichte eingegangen als ein zeitlos gültiges Postulat, das gewiss auch die Zustimmung des Ethik-Experten Freiherr von Knigge gefunden hat: «Handle nur nach derjenigen Maxime, durch die du zugleich wollen kannst, dass sie ein...
