Magie erkunden
Musik soll Menschen verbinden können, über Zeiten und Räume hinweg, also zeit- und grenzenlos sein. So zumindest lauten naiver Wunschtraum und wohlmeinendes Vorurteil; auch der Glaube an eine angeblich sprachähnliche Verständlichkeit drückt sich landläufig so aus. Doch die Wirklichkeit sieht anders aus.
Die Spaltung zwischen «E» und «U» hat sich – trotz der Behauptung einer (furchtbaren) «Neo-Klassik» – wohl vertieft, zumal jüngere Musikliebhaber weniger auf «Klassik» fixiert zu sein scheinen, trotz der allgegenwärtigen digitalen – ja, fast immer sogar kostenlosen – Verfügbarkeit. Aber selbst hier nehmen die Abschottungsmechanismen überhand: Das Wissen über das Kern-Repertoire des 18. und 19. sowie des frühen 20. Jahrhunderts nimmt ab, zumindest im Bereich Konzert, während im Musiktheater die Vielfalt hinsichtlich der Aufführungspraxis eher zunimmt.
Bei den Komponisten gibt es ein Doppel-Schisma: zwischen denen der «absoluten» (Instrumental-)Musik und der «angewandten» Musik für Bühne oder Film sowie zwischen Stück- und Textautoren. Wobei Helmut Lachenmann nicht nur keineswegs als Opernkomponist firmiert, sondern auch mit der gleichen radikalen Intensität, mit der er komponiert, ...
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Opernwelt März 2022
Rubrik: Hören, Sehen, Lesen, Seite 28
von Gerhard R. Koch
Zum Beispiel die Taube. Im Augenblick des Herniedersteigens vom Himmel als simples e in höherer Butterlage festgehalten. Gern genutzt für die Beweisführung in Sachen Pianissimo-Kultur und Atemtechnik, dabei schier endlos gedehnt. William Cochran singt über die Stelle nicht unbedingt hinweg, aber: kein Ausstellen von Tönen oder Phrasen, kein Entzücken an der eigenen...
Sage und schreibe 16 Opern hat der junge Verdi zwischen 1839 und 1850 komponiert. Wäre er vor dem «Rigoletto» gestorben, würde er heute ebenso vergessen sein wie die älteren Kollegen Giovanni Pacini und Saverio Mercadante. So aber erfreut sich sein Frühwerk des gleichen Interesses wie das des jungen Mozart. Das gilt selbst für eine nach allgemeiner Übereinkunft der...
Jede Aufführung von Donizettis «Lucia di Lammermoor» steht (oder fällt) mit der Besetzung der Titelrolle. Mit ihrer vokalen Pyrotechnik und exaltierten Gefühlsdialektik, die psychische Extremzustände wie mit dem Zoom zeigt, gehört die Partie zu den größten Herausforderungen im Reich des Gesangs. In Osnabrück überwältigt die junge Sopranistin Sophia Theodorides mit...
