Magie des Augenblicks
Meist sitzt sie im Dunkel. Unbemerkt, fast möchte man meinen: unscheinbar. Aber gerade darin liegt ihre große Stärke: Dass sie sich zurückzieht auf die Position der Beobachterin, deren einziges Interesse es ist, die Blicke der anderen einzufangen, und dass sie imstande ist, diesen einen, flüchtig-konzentrierten Moment festzuhalten, in dem diese Blicke fokussiert sind – auf eine andere Person, auf einen Gegenstand, auf eine Situation; diese Sekunde, in der sich Entscheidendes ereignet, etwas, das vom Zuschauer fast nicht zu sehen und doch so wichtig für den Abend ist.
Theaterfotografie ist ein wenig wie ein Dinosaurier. Mit der rasanten, sich immer wieder beschleunigenden virtuellen Bilderwelt kann sie kaum mehr mithalten, dafür ist sie schlicht zu altmodisch, zu bedächtig, zu träge. Doch eben in dieser Langsamkeit liegt die Kunst, in diesem Nichtdarüber-Hinweggehen. Theaterfotografie besitzt, wenn sie gut gemacht wird, die Fähigkeit, mehr zu sein als ein Bild. Sie besitzt die Fähigkeit, eine ganze Gedankenwelt abzubilden.
Monika Rittershaus zählt in diesem «Fach», das im günstigsten Fall eine eigene Kunstform ist, seit Jahrzehnten zu den Besten. Sie weiß, wann sie auf den ...
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Opernwelt 11 2022
Rubrik: Magazin, Seite 76
von Jürgen Otten
Im Foyer steht der Katafalk mit einem über und über von Kränzen bedeckten Sarg. Statisterie und Chor haben sich unter die Premierengäste gemischt und betreten nun nach und nach die weit in den Saal hineingezimmerte Bühne. Lorenzo Fioroni richtet bei Brittens «War Requiem» ein Begräbnis aus. Wer da genau begraben wird, bleibt offen. Aber gemessen an den Honoratioren...
Das Wasser ist allgegenwärtig: In kräuselnden Wellen türmt es sich majestätisch während der Ouvertüre auf einer transparenten Projektionsfläche. Später schwappt es bedrohlich an die Bullaugen des Schiffs «Conqueror Cruises», auf dessen Deck und Unterdeck das Geschehen abläuft, dann wieder glitzert es als spiegelnde Fläche friedlich im Mondlicht. Wasser ist das...
Wenn die Schmuggler zu Beginn des dritten Akts auf einer wackligen Hängebrücke, umgeben von grobflächig bemalten Gebirgskulissen, so tun, als könnten sie ihre heiße Ware nur mit größter Mühe über die Berge hieven, denkt man unweigerlich an die Stummfilmästhetik von vor hundert Jahren. Mithin an jene Filmkomödien, in denen ein Buster Keaton todesmutig in...
