Alles Fassade
Im Foyer steht der Katafalk mit einem über und über von Kränzen bedeckten Sarg. Statisterie und Chor haben sich unter die Premierengäste gemischt und betreten nun nach und nach die weit in den Saal hineingezimmerte Bühne. Lorenzo Fioroni richtet bei Brittens «War Requiem» ein Begräbnis aus. Wer da genau begraben wird, bleibt offen. Aber gemessen an den Honoratioren und ihren weiblichen Anhängseln, die sich hier versammeln, scheint es eine hochrangige Persönlichkeit zu sein.
Mit Orden zugehängte Uniformen, lange Abendroben (allerdings nicht in Schwarz), Smoking, Ornat und steife Förmlichkeit bestimmen die Atmosphäre. Erst nach 20 Minuten sind die ersten Takte der Musik zu vernehmen: So (qualvoll) lange hat sich das Entrée gezogen, das auf den Abend einstimmen soll und die Ouvertüre zu einem Fest macht, das bald aus den Fugen gerät. Die feine Gesellschaft, die hier offenbar einen der ihren bestattet, ist zerrüttet: Die latente Gewalttätigkeit wird schnell virulent, die Trauergäste geraten aber nicht nur aneinander, zwei Figuren sorgen für weitere Irritationen: Veteranen sind es; der eine wie das Phantom der Oper adjustiert, der andere wie die Hardrock-Ikone Lemmy Kilmister von der ...
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Opernwelt 11 2022
Rubrik: Panorama, Seite 44
von Martin Gasser
Das Wasser ist allgegenwärtig: In kräuselnden Wellen türmt es sich majestätisch während der Ouvertüre auf einer transparenten Projektionsfläche. Später schwappt es bedrohlich an die Bullaugen des Schiffs «Conqueror Cruises», auf dessen Deck und Unterdeck das Geschehen abläuft, dann wieder glitzert es als spiegelnde Fläche friedlich im Mondlicht. Wasser ist das...
Hoch über dem Tal ragen die baumbewachsenen Sandsteinfelsen der Bastei in den Abendhimmel, unten überwuchert sattgrünes Moos das Gestein, und mittendrin: Theater. Vielleicht treffen nirgendwo in Deutschland Natur und Kunst so nahezu plakativ schön aufeinander wie in der Felsenbühne Rathen.
Angelegt in den 1920er-Jahren und nach dem Zweiten Weltkrieg Ort der...
Erich Wolfgang Korngolds Oper «Die tote Stadt» gehört zu den Werken, deren Rezeptionsverlauf von den Einschlägen der Zeitgeschichte schwer getroffen wurde. Als Korngold das Werk im Alter von 23 Jahren schrieb, war er ein erwachsengewordenes Wunderkind, das imstande gewesen wäre, sich dauerhaft mit Richard Strauss und Giacomo Puccini zu messen, hätten ihn nicht die...
