Lyriker mit System
Eine Repertoireaufführung von Massenets «Werther» an der Bayerischen Staatsoper. Kaum freie Plätze, nach «pourquoi me réveiller» gibt es unvorgesehenen Zwischenapplaus für Piotr Beczala, am Ende lang anhaltenden Jubel.
Dieser Werther fasziniert durch die Spannung zwischen konzentrierter Energie und scheuem Zartgefühl, zwischen Empfindsamkeit und auflodernder Leidenschaft, die sich immer deutlicher ins Selbstzerstörerische wendet: ein der Welt Fremder von Anfang an, der wie von fern den Menschen zusieht, davon träumt, am Leben teilzuhaben und dessen Sehnsucht immer schon den Verlust enthält: ein Zerrissener, dessen Wahrnehmung sich zusehends verdüstert und der seine wachsende Verzweiflung in betörendem Überschwang aussingt, so dass über dem tödlichen Abgrund der utopische Wunsch aufleuchtet, alles – er selbst, das Schicksal, die Welt – könnte anders sein, als es ist.
Szenenwechsel. Durch die Terrassenverglasung des Appartmenthotels, in dem Piotr Beczala wohnt, wenn er in München singt, fällt aus einem bewölkten Himmel nüchternes Licht. Der hochgewachsene schlanke Pole mit dichtem drahtlockigem Haarschopf und stahlblauen Augen ist nicht nur auf der Bühne ein attraktiver Mann. In ...
Weiterlesen mit dem digitalen Monats-Abo
Sie sind bereits Abonnent von Opernwelt? Loggen Sie sich hier ein
- Alle Opernwelt-Artikel online lesen
- Zugang zur Opernwelt-App und zum ePaper
- Lesegenuss auf allen Endgeräten
- Zugang zum Onlinearchiv von Opernwelt
Sie können alle Vorteile des Abos
sofort nutzen
Das könnte Sie auch interessieren:
CD: Piotr Beczala in Franz Lehárs Operette «Das Land des Lächelns»
Ist’s ein Engel? Glaubt man Wolfram, der das Wort späterhin im «Tannhäuser» benutzt, um seinen abtrünnigen Sangesbruder Heinrich zu retten, müsste man es annehmen. Doch ein Engel würde wohl kaum die «allmächtige Jungfrau» bemühen, um seine zerrüttete Seele in die nötige Balance zu bringen. Und eben dies tut Elisabeth, kaum ist der Chor der Pilger vorübergezogen, in...
Opernverfilmungen sind heikel. Meist sind sie es, weil die Regisseure szenisch wenig Risiko eingehen. Da bildet Václav Kaslíks Verfilmung des «Fliegenden Holländer» von 1974 keine Ausnahme. Mit glutroten Segeln kommt das Schiff daher, munter tobt der Sturm; wenn die Pauken donnern, folgen synchron Blitze am Himmel. Das Ganze ist in Szene gesetzte Schauerromantik....
Das Rossini-Festival, das seit 1989 alljährlich im Schwarzwaldkurort Bad Wildbad stattfindet, hat sich in den zwanzig Jahren seines Bestehens zu einem Geheimtipp unter Belcanto-Liebhabern gemausert und kann, jedenfalls in musikalischer Hinsicht, durchaus mit den größeren Festspielen in Rossinis Geburtsort Pesaro mithalten. Zwar lassen die örtlichen Gegebenheiten –...
