Lob der Oper
Sie waren beispiellos flexibel, unsere Opernhäuser in der Saison 20/21! Mit immer neu ausgetüftelten Distanzmodi im Zuschauerraum. Auf der Bühne wird mit Metermaß die Abstandeinhaltung geprüft. Chöre und Orchester singen und spielen, per Glasfaser zugeleitet, aus Probenräumen, so etwa im Züricher «Boris Godunow». Reduzierte Fassungen erlauben faszinierend neue Höreindrucke wie die «Onegin»-Fassung am Münchener Gärtnerplatztheater. Manches scheitert aber auch an der Reduzierung, wie Mascagnis «Cavalleria Rusticana» in Stuttgart.
Bei Weinbergs «Masel Tov!» an der Oper am Rhein kitzelt auch die Kammerfassung Henry Kochs den jiddischen Tonfall heraus. In Glucks «Orfeo|Euridice»-Adaption für das Aalto-Theater in Essen inszeniert Paul-Georg Dittrich das Liebespaar als gespaltene Teile einer Persönlichkeit, wobei eingeblendete Video-Dokus mit Neurologen und Pflegepersonal aus dem Alfried Krupp Krankenhaus über Lockdown-Zustände von Patienten in diesen Zeiten gewollt wirken. Der Neuproduktion von Burroughs’ und Waits’ Anti-Musical «The Black Rider» am Gelsenkirchener Musiktheater im Revier gelingt als pralle Show in psychedelischen Farben mit leibhaftigem Teufel im Spiel. Mit neun ...
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Opernwelt Jahrbuch 2021
Rubrik: Umfrage Kritikerstatements, Seite 135
von Sabine Weber («SWR2», «WDR3», Köln)
Ein «sonderbar Ding» ist die Zeit, das wissen wir aus dem «Rosenkavalier» von Richard Strauss und Hugo von Hofmannsthal. Thomas Mann nannte sie «wesenlos und allmächtig», auch das trifft es hervorragend. Blickt man nun zurück in das vergangene Spielzeit-Jahr, so kommt man nicht umhin, an diese beiden Zuschreibungen erinnert zu werden. Denn es ist in der Tat...
Das öffentliche Interesse war enorm, als Markus Gabriel, damals der neue Star am deutschen Philosophenhimmel, 2013 ein Buch mit dem Titel «Warum es die Welt nicht gibt» schrieb. Allein die Vorstellung, diese Welt, wie wir sie kennen, existiere nicht, sorgte für erheblichen Diskussionsstoff. Dass Gabriels Theorem, das natürlich ein trickreiches war, weil es nur...
Träumer waren sie, auf die eine und andere Art, beide. Doch nicht im naiven oder sentimentalischen Sinne. Ihre Ausflüge in die Welt des Un(ter)bewussten gingen darüber weit hinaus, sie trugen das Gepräge des Existenziellen, weil ihr Ziel darin bestand, die tiefere Bedeutung der Traumwelt zu erkunden. Dies vor allem sowie die große Lust, die Sphäre der Realität...
