Judas erschlägt Christus
Aktuell? Aber gewiss! Ein griechisches Dorf, sein Priester vorneweg, pfeift auf die Nächstenliebe, als ein Treck Flüchtlinge auftaucht – Landsleute, von den brandschatzenden Türken aus der Heimat vertrieben. Hartherzigkeit, wo Mitleid am Platze wäre, Vorurteile. So lügt der Geistliche einer vor Hunger sterbenden Flüchtlingsfrau die Cholera an den Hals. Und den Schafhirten Manolios, der als Christus fürs Passionsspiel ausersehen ist – ausgerechnet ihn, der sich mehr und mehr mit seiner Rolle identifiziert und sich der Notleidenden annimmt – verteufeln sie.
Am Ende wird er von «Judas» erschlagen. Christus darf nicht Christus sein.
Martinus «Griechische Passion» nach dem Roman «Der wiedergekreuzigte Christus» von Nikos Kazantzakis ist nie ganz aus dem Blickfeld verschwunden, und sie war nie hitverdächtig. Das eher rezitativisch geprägte, quasi härenere Original wurde 1957 in London verworfen. Die kantablere, auch geglättetere Neufassung kam 1961, von Martinus Schweizer Freund und Mäzen Paul Sacher dirigiert, in Zürich heraus. Und sie erschien dort nun auch zum 50. Todestag des Komponisten, angereichert freilich um einige Passagen aus der inzwischen rekonstruierten und 1999 in Bregenz ...
Weiterlesen mit dem digitalen Monats-Abo
Sie sind bereits Abonnent von Opernwelt? Loggen Sie sich hier ein
- Alle Opernwelt-Artikel online lesen
- Zugang zur Opernwelt-App und zum ePaper
- Lesegenuss auf allen Endgeräten
- Zugang zum Onlinearchiv von Opernwelt
Sie können alle Vorteile des Abos
sofort nutzen
Es gibt ein erhellendes Beispiel für die Utopie, die Illusion einer «Hölderlin-Oper». Eine solche Oper sollte und wollte der Münchner Komponist Wilhelm Killmayer vor zwei Jahrzehnten im Auftrag der Bayerischen Staatsoper schreiben. Das Projekt zog sich in die Länge, und irgendwann hatte sich Killmayer nach vielen ästhetischen und inhaltlichen Skrupeln eines...
Auf dem Weg viele Stufen hinauf zur St. Peter-und-Pauls-Kathedrale, diesem wunderbaren Joint Venture von Romanik, Gotik und Barock, das die Altstadt von Brünn überragt, hören wir aus einem Haus eine keifend scharfe Frauenstimme. Da wir in Sachen Leos Janácek hier sind, wird uns sofort klar, woran sie uns erinnert: an Kostelnicka, die Küsterin aus «Jenufa» – eine...
Zur Oper, die er vor einem Jahr im Gespräch mit «Opernwelt» als «Schwerpunkt» seiner Arbeit bezeichnete (siehe OW 1/2008), hat Richard Hickox erst relativ spät gefunden. Die ersten Impulse seiner musikalischen Sozialisation empfing er nicht auf einem Stehplatz in Covent Garden oder im Coliseum, sondern unter dem Dach der anglikanischen Kirche. Wenn sein Vater,...
