Im Schwebezustand

Händel: Tolomeo, Re d’Egitto
KARLSRUHE | STAATSTHEATER

Opernwelt - Logo

In Händels selten gespieltem «Tolomeo», der die 43. Internationalen Karlsruher Händel-Festspiele eröffnete, sind noch keine zwei Minuten vergangen, als der von seiner Mutter vertriebene, um seine totgeglaubte Geliebte Seleuce trauernde Pharao Tolomeo Selbstmord begehen will, aber von einem Schiffbrüchigen abgehalten wird, den das Meer an Land spült. Er rettet ihn, um dann erst zu erkennen, wer es ist: sein Bruder Alessandro. Am Ende der Oper versucht er ein weiteres Mal erfolglos, sich das Leben zu nehmen.

Der historische Hintergrund aus der altägyptischen Geschichte spielt in der handlungsarmen Oper keine Rolle. Händels Musik konzentriert sich ausschließlich auf die psychische Befindlichkeit der vier Hauptfiguren und ihre Affekte – das melancholisch-introvertierte Paar Tolomeo/Seleuce und dessen Widerpart, die erst schmeichelnd, dann eifersüchtig um Tolomeo werbende Elisa und ihren aggressiven Bruder Araspe, der Seleuce mit der Brutalität eines Schurken begehrt. Entsprechend karg sind die Farben der 31 locker aneinandergereihten Nummern – kurze, durchweg von den Streichern begleitete Arien, die nur hin und wieder von einem Oboen- oder Flötenklang aufgelichtet sind. Im weitgehenden ...

Weiterlesen mit dem digitalen Monats-Abo

Sie sind bereits Abonnent von Opernwelt? Loggen Sie sich hier ein
  • Alle Opernwelt-Artikel online lesen
  • Zugang zur Opernwelt-App und zum ePaper
  • Lesegenuss auf allen Endgeräten
  • Zugang zum Onlinearchiv von Opernwelt

Sie können alle Vorteile des Abos
sofort nutzen

Digital-Abo testen

Opernwelt April 2020
Rubrik: Panorama, Seite 44
von Uwe Schweikert

Weitere Beiträge
Im Delirium

Der Theater- und zeitweilige Opernregisseur Michael Thalheimer hat einmal in kluger Differenzierung den Unterschied zwischen Idee und Einfall beschrieben. Einfälle, so Thalheimer, könnten noch so fantasievoll sein, eine Idee würden sie nicht zwingend generieren. Nun ist es keineswegs so, dass Tomo Sugao ohne Idee zu Gounods «Faust» bliebe (er hat eine, wenngleich...

Fremd zieh' ich wieder aus

Eine «komponierte Interpretation» hat Hans Zender seine 1993 entstandene Version von Schuberts Liedzyklus «Winterreise» genannt. Es ist sein bekanntestes, meistaufgeführtes Werk, mit dem er auch Hörer außerhalb des Avantgarde-Zirkels erreicht. Es war nicht die erste Bearbeitung dieser «schauerlichen Lieder» (wie Schubert sie selbst bezeichnete), und es sollte auch...

Detailreich

Wer sagt eigentlich, dass Don Juan immer ein feuriger, schwarzgelockter Macho sein muss? Noch dazu, wenn er als Titelheld in Mozarts «Don Giovanni» ohnehin schon arg am Ende seiner Kräfte, wenn schon nicht seiner Leidenschaften ist? In Elisabeth Stöpplers Grazer Inszenierung des Dramma giocoso kommt er als netter blonder Junge von nebenan ins Spiel, unauffällig in...