Fremd zieh' ich wieder aus

Hans Zenders und Bernhard Langs Übermalungen von Schuberts «Winterreise» in Stuttgart und Mainz

Opernwelt - Logo

Eine «komponierte Interpretation» hat Hans Zender seine 1993 entstandene Version von Schuberts Liedzyklus «Winterreise» genannt. Es ist sein bekanntestes, meistaufgeführtes Werk, mit dem er auch Hörer außerhalb des Avantgarde-Zirkels erreicht. Es war nicht die erste Bearbeitung dieser «schauerlichen Lieder» (wie Schubert sie selbst bezeichnete), und es sollte auch nicht die letzte bleiben. Meist musste die Klavierbegleitung dran glauben und wurde durch andere Instrumente wie Viola, Gitarre, Drehleier oder ein Streichquartett ersetzt.

Von solchen eher marginalen Eingriffen setzt Zender sich durch ein «Weiterdichten» des Originals, eine Überschreibung von Schuberts Klangbild ab, die er als «schöpferische Veränderung» für sich in Anspruch nimmt. Während er den Gesang weitgehend unangetastet lässt und nur gelegentlich verfremdet, übersetzt er Schuberts Klaviersatz – unter starker Weitung, ja Dehnung der Tempi bis zum Innehalten – in den ihm eigenen charakteristischen Stil mit seinem pointillistisch-kalligrafischen Innenleben. Bezeichnend ist bereits die Mischung des aus 24 Spielern bestehenden Ensembles – sechs Streichern stehen acht Holz- und drei Blechbläser gegenüber, deren ...

Weiterlesen mit dem digitalen Monats-Abo

Sie sind bereits Abonnent von Opernwelt? Loggen Sie sich hier ein
  • Alle Opernwelt-Artikel online lesen
  • Zugang zur Opernwelt-App und zum ePaper
  • Lesegenuss auf allen Endgeräten
  • Zugang zum Onlinearchiv von Opernwelt

Sie können alle Vorteile des Abos
sofort nutzen

Digital-Abo testen

Opernwelt April 2020
Rubrik: Magazin, Seite 72
von Uwe Schweikert

Weitere Beiträge
Neues Herz, alte Seele

Ein uraltes Bühnenklischee verbindet den hohen Scheitel mit schwarzen Gedanken und Taten, weswegen etwa Gustaf Gründgens als Mephisto kahlköpfig erschien. In der Uraufführung von Christian Josts «Egmont» am Theater an der Wien wird der Fiesling Alba zeitweise solcherart gebrandmarkt, wobei Bo Skovhus sich in darstellerisch perfekter Selbstverleugnung als Scheusal...

Zukunftsmodell

Ein Einheitsraum, 16 Musiker, drei völlig verschiedene Sujets: Unter dem etwas großzügig formulierten Motto «Wie klingt die Oper von morgen?» legte Schwedens erstes Haus ein Format von 2016 erneut auf und beauftragte drei renommierte schwedische Komponisten mit jeweils einer «Short Story». Katarina Aronsson, Dramaturgin am Haus und Initiatorin des Projekts,...

Bretter, die viel Geld bedeuten

Wenn es nach Barrie Kosky geht, schlägt das Herz der Komischen Oper künftig im Dreidrittel-Takt. «Wir sind in einer der besten Locations in der Mitte Berlins», sagt der Intendant. «Das bedeutet, wir müssen hier eine durchdachte architektonische Dramaturgie entwickeln. Bei der erzählen wir zwei Geschichten aus der Vergangenheit und eine aus der Zukunft.» Hier...