Ganz nah am Drama
Dem (Ver)fall des Otello sieht man von ganz nah zu. Die Opernbühne ist nach vorne gerückt, endet direkt vor der ersten Publikumsreihe. Der Orchestergraben, abgedeckt, wird zur Spielfläche. Die Musiker sitzen – von den Spielenden getrennt durch eine Gaze – im Hintergrund, in goldbraunem Licht schemenhaft sichtbar. Auch der Chor ist nicht weit entfernt: Er steht im ersten Rang und erschafft gemeinsam mit Solisten und dem Orchester einen Dolby-Surround-Strudel, in den einen Verdis packende, atmosphärische Musik mitreißt.
Die karge Bühne von Christian Robert Müller ist meisterhaft. Nicht nur der durch die optische Kombination von Kulisse und Orchester entstehende Eindruck eines – im wahrsten Sinne des Wortes – Gesamtkunstwerkes, nein, auch die mannigfaltigen Spielmöglichkeiten, die die Bühne bietet, sind großartig erdacht: Schutt, martialisch anmutende Gerüste, ein Graben, ein abgestorbener Baum. Man sieht sofort: Hier ist alles tot, hier hat der Krieg gewütet. Auf der Gaze, die das Orchester vom Rest der Bühne trennt, werden Projektionen sichtbar: das ausdruckslose, in Trauer versunkene Gesicht Otellos zum Beispiel, aber die meiste Zeit das Meer. Mal ruhig, mal mit tosenden Wellen. ...
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Opernwelt Januar 2022
Rubrik: Panorama, Seite 58
von Susanne Westenfelder
Begibt man sich auf die Suche nach den vielgerühmten «Meilensteinen» der Musikgeschichte, darf dieses Datum nicht fehlen. Am 24. Februar 1607 erlebte Claudio Monteverdis erste Oper «L’Orfeo» ihre Uraufführung – unter Schirmherrschaft des Thronfolgers Francesco Gonzaga, vor Mitgliedern der Accademia degli Invaghiti sowie einer illustren Hofgesellschaft, leider nur...
Eine Sekunde kann eine Ewigkeit bedeuten. Nicht nur im Sport. Auch in der Musik, als Intervall, trennt sie Welten, markiert sie womöglich den Unterschied zwischen absolut richtig und absolut falsch. Kent Nagano kann ein Lied davon singen. Dass er es singt, ehrt ihn. Weil es ein Scheitern beschreibt, dass man einem solchen Perfektionisten gar nicht zugetraut hätte....
Auch fünfzig Jahre nach Patrice Chéreaus grunderschütterndem Bayreuther «Ring» vermag Wagners Tetralogie noch zu verstören, zumal, wenn sie so illusionslos nüchtern in einer Ästhetik des Hässlichen daherkommt, wie jetzt in Stephan Kimmigs «Rheingold»-Neuinszenierung. Kimmig entzaubert die Szene, rückt den Figuren gleichsam mit dem psychischen Nacktscanner zu Leibe...
