Entzaubert
Was tun, wenn das Herz verwundet ist, jede Hoffnung dahin und die Insel der Glückseligen nurmehr ein verdorrter Ort der Einsamkeit? Alcina, bis zu diesem Augenblick unumschränkte Herrscherin des Eilands, weiß sich keinen anderen Rat, als ihren Schmerz in eine der anrührendsten Arien zu kleiden, die Georg Friedrich Händel je komponierte – das Andante Larghetto «Ah, mio cor». Ochsenkarrenschwer schleppen sich die Achtel über das düster-verschattete c-Moll-Feld, und nicht minder bleiern klingt die Gesangslinie, in deren Verlauf die Gramerfüllte den Göttern ihr Leid klagt.
Bis hinauf zum zweigestrichenen a klettert die Melodie bei den Worten «sola» und «dei» (was Jacquelyn Wagner bei ihrem Debüt in der Titelrolle keine größeren Probleme bereitet, obschon diese Spitzentöne immer ein wenig beißend klingen), und weil die sparsam gesetzte Begleitung von den Musikern der «Neuen Düsseldorfer Hofmusik» auffallend ruppig, spiccato intoniert wird, tut sich in diesen Sekunden die ganze Kluft auf, die zwischen Alcina und der Welt liegt. Jeder Ton ein Messerstich für die unglücklich Liebende. Jeder Akzent ein Stück Abschied.
Auch die Bühne von Christof Hetzer ist zu diesem Zeitpunkt Mitte des ...
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Opernwelt April 2020
Rubrik: Im Focus, Seite 8
von Jürgen Otten
Jubilare
Meriel Dickinson studierte 1958-63 Klavier und Gesang am Royal Manchester College of Music, anschließend an der Wiener Musikakademie, wo sie zwei Jahre späte ihr Diplom als Gesangslehrerin erwarb. Die vielseitige Mezzosopranistin begann ihre Laufbahn 1964 in London als Konzertsolistin, wobei sie sich vor allem der zeitgenössischen englischen Musik...
Nur stillstehen, das sei nichts für ihn. Bewegen müsse er sich auf der Bühne, so sagte er einmal, aktiv und offensiv am Geschehen teilnehmen, dann sei er locker. Ungestümer als Ende der 1980er-Jahre ging es nicht: Da war Siegfried Jerusalem in der Partie seines Namensvetters eine der Stützen des so körperhaft-klugen Bayreuther Kupfer-«Rings». Eine astreine...
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