Einfach berührend
Man sieht es, das Drama. Und muss sogleich an Heinrich Heine denken, an die zweite und dritte Strophe seines tieftraurigen «Traum»-Gedichts, darin die Seele des Dichters so unverkennbar leidet an der Welt. «Ich habe im Traum geweinet, / Mir träumt’, du verließest mich. / Ich wachte auf, und ich weinte, / Noch lange bitterlich. – Ich hab’ im Traum geweinet, / Mir träumte, du bliebest mir gut. / Ich wachte auf, und noch immer / Strömt meine Tränenflut.
»
Die Frau, die da vorn auf einer schlichten Matratze liegt, im leichenblassen Nachthemd und grauer Strickweste, die Haare wirr, der Blick verstört, sie träumt diesen Heine-Traum. Das Leben mag nicht länger mit ihr verhandeln, die Schwindsucht rafft sie dahin, alle Hoffnung, es möge die Sonne dereinst noch einmal scheinen, ist vergebens. Und so weint sie sich, singend, schmachtend, sehnend, noch einmal durch dieses dahinschwindende Leben, während hinter ihr elegant gekleidete Herren nach und nach den gesamten Hausrat durch den ehemals mondänen, nunmehr gänzlich leeren Salon hinaustragen, den Hermann Feuchter ersann; Sessel, Sofas, Kronleuchter, Schmuckkästchen, einfach alles. Sogar das Betttuch reißt man der sterbend Träumenden unter ...
Weiterlesen mit dem digitalen Monats-Abo
Sie sind bereits Abonnent von Opernwelt? Loggen Sie sich hier ein
- Alle Opernwelt-Artikel online lesen
- Zugang zur Opernwelt-App und zum ePaper
- Lesegenuss auf allen Endgeräten
- Zugang zum Onlinearchiv von Opernwelt
Sie können alle Vorteile des Abos
sofort nutzen
Opernwelt November 2020
Rubrik: Panorama, Seite 40
von Jürgen Otten
Gäbe es ein Ranking derjenigen Opern, an denen sich die Probleme in Pandemie-Zeiten am treffendsten zeigen ließen, Verdis «La traviata» stünde gewiss sehr weit oben: So laboriert die Hauptfigur nicht nur an einer Atemwegserkrankung (im Stück weniger infektiös, dafür aber mit tödlichem Ausgang: Tuberkulose), sondern muss sich auch dem Druck gesellschaftlicher...
Mit vier Solisten und zehn Instrumentalisten, aber ohne Chor ist Hans Thomallas in Mannheim uraufgeführte englischsprachige Oper «Dark Spring» die Corona-Oper der Stunde. Doch nicht nur ihr geringer Aufwand, auch ihr Sujet spiegelt die Bedrückung wider, die die Welt in Atem hält – den Abstand von anderen Menschen. Allerdings geht es weniger um die erzwungene äußere...
Diese Übersicht bietet eine Auswahl der angekündigten Musiktheater- und Opernpremieren des Monats November 2020. Aktuelle Informationen zu Wiederaufnahmen und Repertoirevorstellungen finden Sie auf den Websites der Häuser. Eine Liste mit Kontaktdaten gibt es online unter diesem Link: www.der-theaterverlag.de/serviceseiten/theaterlinks/
ML = Musikalische Leitung
I =...
