Zwischenruf November 2020

Buh, Brabuh, Bravo – das alles soll nicht mehr erlaubt sein? Was ein Schmarrn!

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Am schlimmsten sind die Wutbürger. Kläffen sich die Seele aus dem Leib, sobald der Vorhang fällt, in der Hoffnung, man werde ihnen die gebührende Aufmerksamkeit schenken. Und, so betrüblich es ist: Es funktioniert. Der ganze Saal blickt sich um, wenn aus den oberen Rängen, wo die Schreidackel bevorzugt sitzen, das niederschmetternde «Buh» auf die armen Künstler, die auf der Bühne stehen, in Erwartung eines angemessenen Applauses, hierniederfährt wie ein glühendes Schwert aus dem Hause Damokles. Wobei: Man muss unterscheiden.

Denn natürlich gibt es auch diejenigen hartgesottenen Naturen (sagen wir vom Schlage eines Frank Castorf, Peter Konwitschny und Hans Neuenfels), die mit genüsslichem Augenaufschlag jeden vernichtenden Kommentar dialektisch ummünzen in eine Beifallskundgebung für ihre Arbeit – und damit die Buh-Schreihälse maliziös in die Schranken weisen.

Nicht minder anregend sind jene Abende im Theater, an denen sich sittlicher Beifall und sittenwidriger Abfall die Waage halten, die sogenannten Brabuh-Vorstellungen. Besonders geschätzt werden sie, weil sich in ihnen der Klang so hübsch reibt und weil durch diesen Klang hindurch deutlich wird, dass Diskurs doch immer noch das ...

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Opernwelt November 2020
Rubrik: Magazin, Seite 63
von Jürgen Otten

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