Dunkler Frühling Jugend

Schräg, schrill und ein bisschen «schmutzig»: Hans Thomallas englische Song-Oper «Dark Spring», uraufgeführt in Mannheim

Opernwelt - Logo

Mit vier Solisten und zehn Instrumentalisten, aber ohne Chor ist Hans Thomallas in Mannheim uraufgeführte englischsprachige Oper «Dark Spring» die Corona-Oper der Stunde. Doch nicht nur ihr geringer Aufwand, auch ihr Sujet spiegelt die Bedrückung wider, die die Welt in Atem hält – den Abstand von anderen Menschen.

Allerdings geht es weniger um die erzwungene äußere als um die innere, gleichwohl existenzielle Distanz, bei der die vier jugendlichen Protagonisten trotz aller Suche nach Nähe sich in ihren Gefühlen nicht erreichen, ja in ihrem emotionalen Verlangen einander ständig verletzen.

«Dark Spring» ist, nach «Fremd» (2011), einer Weiterung des Medea-Stoffs, und «Kaspar Hauser» (2016), Thomallas dritte Arbeit für das Musiktheater, ihr Ausgangspunkt Frank Wedekinds 1891 entstandenes Schauspiel «Frühlings Erwachen». In seiner von der Zensur lange verbotenen «Kindertragödie» porträtierte Wedekind, wie vier Heranwachsende – die Schülerin Wendla, die Gymnasiasten Melchior und Moritz sowie das Modell Ilse – an den rigiden Moralvorstellungen der Zeit zerbrechen. Thomalla übernimmt diese Konstellation und schreibt sie aus heutiger, gewendeter Perspektive fort. Seine Jugendlichen leiden ...

Weiterlesen mit dem digitalen Monats-Abo

Sie sind bereits Abonnent von Opernwelt? Loggen Sie sich hier ein
  • Alle Opernwelt-Artikel online lesen
  • Zugang zur Opernwelt-App und zum ePaper
  • Lesegenuss auf allen Endgeräten
  • Zugang zum Onlinearchiv von Opernwelt

Sie können alle Vorteile des Abos
sofort nutzen

Digital-Abo testen

Opernwelt November 2020
Rubrik: Im Focus, Seite 6
von Uwe Schweikert

Weitere Beiträge
Zwischenruf November 2020

Am schlimmsten sind die Wutbürger. Kläffen sich die Seele aus dem Leib, sobald der Vorhang fällt, in der Hoffnung, man werde ihnen die gebührende Aufmerksamkeit schenken. Und, so betrüblich es ist: Es funktioniert. Der ganze Saal blickt sich um, wenn aus den oberen Rängen, wo die Schreidackel bevorzugt sitzen, das niederschmetternde «Buh» auf die armen Künstler,...

Im Freien

Bodo Ramelow war voll des Lobes: «Den Begriff Improvisation hat Rolf Hemke in den letzten Wochen neu definiert», resümierte Thüringens Ministerpräsident in seinem an den Intendanten des Kunstfestes Weimar gerichteten Grußwort am Schlusstag des sich von Ende August bis Mitte September erstreckenden Festivals. In der Tat: Hemke und sein Team trotzten den...

Frauenleben und -leiden

Programmatisch betrachtet, hat so eine Pandemie durchaus auch ihre guten Seiten. Denn gewiss würden die Opernhäuser Stücke, die sonst kaum eine Lobby haben, ohne Einschränkungen auf und vor der Bühne nicht auf ihre derzeitigen Spielpläne setzen. Ein Beispiel: das Anhaltische Theater in Dessau, wo Francis Poulencs Einpersonenstück «La voix humaine» herauskam,...