Der letzte Mohikaner

Er war eine Institution – und genoss es: Erinnerungen an den großen Kritiker Joachim Kaiser

Opernwelt - Logo

Vor vielen Jahren erregten zwei steile Kritiker-Sätze einigen Unmut: «Erst wenn meine Rezension erschienen ist, hat die Sache überhaupt stattgefunden.» Und: «Es gibt in einem Artikel nur eine wirklich wichtige Information: der Name des Autors.» Der diagnostische Bannfluch folgte prompt: eitle Hybris. Ganz falsch war das natürlich nicht – aber auch nicht unbedingt richtig.

Denn zum wichtigen Kritiker gehört die offizielle Funktion als Instanz: Sachkenntnis, Urteilsvermögen wie Wertungslust, Unabhängigkeit, eloquente «Schreibe», Tragkraft wie Reichweite des Mediums – all das gehört zum Bild vom Meinungsführer, Kunst-Richter, ja «Kritiker-Papst».

Aber es gibt auch das Negativ: «Schlagt ihn tot, den Hund, es ist ein Rezensent», heißt es bei Goethe, allerdings über einen Essens-, nicht Kunst-Quengler. Der Beckmesser der «Meistersinger» war böse Spitze gegen den (übrigens unterschätzten) Eduard Hanslick. Und im «Abschied» von Hugo Wolfs Mörike-Liedern wird der «Kritikaster» genüsslich die Treppe hinabgestoßen – was wenig verwundert, war Wolf bei seinen Brahms-Attacken doch gewiss nicht zimperlich. Das Image des Kritikers schwankt also zwischen Leuchtturm und Scheusal. Keine Frage, den ...

Weiterlesen mit dem digitalen Monats-Abo

Sie sind bereits Abonnent von Opernwelt? Loggen Sie sich hier ein
  • Alle Opernwelt-Artikel online lesen
  • Zugang zur Opernwelt-App und zum ePaper
  • Lesegenuss auf allen Endgeräten
  • Zugang zum Onlinearchiv von Opernwelt

Sie können alle Vorteile des Abos
sofort nutzen

Digital-Abo testen

Opernwelt Juli 2017
Rubrik: Magazin, Seite 72
von Gerhard R. Koch

Weitere Beiträge
Und ihr?

Händels Heldinnen, die Mutterrollen ausgenommen, sind anders. Sie sind autarker, stärker, stolzer als all jene Besiegten, Verratenen und Verkauften, die Catherine Clément einst besang (und dies mit der steilen These verband, die Oper sei ein Ort, an dem die Vernichtung der Frau beinahe ritualhaft zelebriert werde). Sind erhaben wie Rodelinda, widerborstig wie...

Der Strippenzieher

Der Film zeigt sein Lebenswerk. Kein Wunder, dass Toni Schmid ein wenig angespannt ist. «Ganz große Oper» heißt der Streifen, eine 90-minütige Hochglanzdokumentation über die Bayerische Staatsoper. Seit Anfang Juni läuft sie in rund 80 Kinos. Die Premiere beim Dok.Fest München fand auf der Bühne der Staatsoper statt. Das schafft nicht jeder.

Ein Bildband für die...

Zweierrennen

Grenzen zu überwinden, ist ein Menschheitstraum: die Schwerkraft (Fliegen), den Tod (Medizin), das noch Unbekannte, dem sich die Entdecker, oft auch Eroberer verschrieben. Wo noch nie ein Mensch war, will man hin, als Erster natürlich. Es ist ein primär männlicher Impuls der Weltbeherrschung, zugleich mystisch-mythisch-metaphysisch unterfüttert. «L’aqua, ch‘io...