Der Empfindsame
Nur stillstehen, das sei nichts für ihn. Bewegen müsse er sich auf der Bühne, so sagte er einmal, aktiv und offensiv am Geschehen teilnehmen, dann sei er locker. Ungestümer als Ende der 1980er-Jahre ging es nicht: Da war Siegfried Jerusalem in der Partie seines Namensvetters eine der Stützen des so körperhaft-klugen Bayreuther Kupfer-«Rings». Eine astreine Wagner-Laufbahn hatte der gebürtige Oberhausener zu dem Zeitpunkt bereits hinter sich, als Froh, Lohengrin oder Parsifal. Als Tristan bildete er später mit Waltraud Meier das Hügel-Traumpaar.
Und auch wenn phänotypisch alles stimmte, groß, blond, gutaussehend – ein Heldentenor war Jerusalem nie. Dafür fehlte ihm das Erz, das Metall, die natürliche Härtung des Materials. «Ich hatte das Bellen eben nicht gelernt.»
Andere Parameter zeichneten seinen Gesang aus, die Nuance, die Klangschönheit, das Feintuning. Jerusalem selbst führte das auf seine Sozialisierung im Orchester zurück. Als Fagottist lernte er unter Sergiu Celibidache in Stuttgart das kammermusikalische Ineinandergreifen der Stimmen, auch, welche Bedeutung Obertöne für die Tragfähigkeit haben. Das wollte er auf die Opernbühne mitnehmen. Es passte folglich, dass er ...
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Opernwelt April 2020
Rubrik: Magazin, Seite 77
von Markus Thiel
Als sie anfing, war sie nicht einfach nur eine neue, unerhörte Stimme, sondern ein ganz neuer Typ Sängerin. Ein Wunderkind zunächst – ausgebildet, gefördert und stets begleitet von seinem Großvater –, das vom Berliner Schlager bis zum Koloraturfeuerwerk der Königin der Nacht alles konnte, was man von ihm verlangte. Anja Silja lernte das Singen in einem Alter, in...
Herr Fagioli, kann man Verzieren lernen?
Ja, weil es Regeln folgt, die mit der Konstruktion von Harmonie und Melodie zu tun haben. Es macht aber einen Unterschied, wie man sie verwendet.
Wie weit verlassen Sie sich dabei auf historische Quellen?
Etwa zur Hälfte, würde ich sagen. Eine ebenso große Rolle spielt aber meine eigene Interpretation. Ich lese Bücher...
Der Herr ist unsichtbar. Aber man kann ihn hören. Ihn und seinen in g-Moll gefassten Ingrimm. Denn Gott ist außer sich vor Zorn. Und lässt nun diesem freien apokalyptischen Lauf. Während auf Dirk Beckers unwirtlicher Bühne, die im Verlauf des Abends aus schlichtweißen Resopaltischen immer wieder raffinierte Konstellationen kreiert (Laufsteg, Küche, Verhörraum,...
