Radikal pessimistisch
Der Herr ist unsichtbar. Aber man kann ihn hören. Ihn und seinen in g-Moll gefassten Ingrimm. Denn Gott ist außer sich vor Zorn. Und lässt nun diesem freien apokalyptischen Lauf.
Während auf Dirk Beckers unwirtlicher Bühne, die im Verlauf des Abends aus schlichtweißen Resopaltischen immer wieder raffinierte Konstellationen kreiert (Laufsteg, Küche, Verhörraum, Abendtafel, Kreuz), Nebelkerzen dampfen und Lichterblitze giftig zucken, herrscht im Graben, wo Giuliano Betta den entfesselten Advokaten der göttlichen Instanz gibt, ein orchestraler Furor, der in seinen fiebrigen Ausschlägen den ganzen Saal erschüttert. Streicher jaulen im Diskant, das Holz schlägt Fortissimo-Funken, und so harsch donnern die (Wort-) Salven von Chor und Blechbläsern über uns hinweg, dass man den Jüngsten Tag in Reichweite wähnt. Der Effekt dieser musikalischen Offenbarung ist enorm. Dennoch bleibt eine bange Frage: Wie bitte gelangte das «Dies irae» aus Giuseppe Verdis «Requiem» ans Ende des dritten Akts seiner Oper «La forza del destino»?
Die heftig sich ausbreitende thymotische Energie, so die These des Regisseurs Michael Schulz, ist das logische Resultat humaner Verirrung. Soeben hat das Volk den ...
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Opernwelt April 2020
Rubrik: Im Focus, Seite 14
von Jürgen Otten
Diese Übersicht bietet eine Auswahl der angekündigten Musiktheater- und Opernpremieren des Monats April 2020. Informationen zu Wiederaufnahmen und Repertoirevorstellungen finden Sie auf den Websites der Häuser. Eine Liste mit Kontaktdaten gibt es online unter diesem Link:
www.der-theaterverlag.de/serviceseiten/theaterlinks/
ML = Musikalische Leitung
I =...
Herr Fagioli, kann man Verzieren lernen?
Ja, weil es Regeln folgt, die mit der Konstruktion von Harmonie und Melodie zu tun haben. Es macht aber einen Unterschied, wie man sie verwendet.
Wie weit verlassen Sie sich dabei auf historische Quellen?
Etwa zur Hälfte, würde ich sagen. Eine ebenso große Rolle spielt aber meine eigene Interpretation. Ich lese Bücher...
Der Theater- und zeitweilige Opernregisseur Michael Thalheimer hat einmal in kluger Differenzierung den Unterschied zwischen Idee und Einfall beschrieben. Einfälle, so Thalheimer, könnten noch so fantasievoll sein, eine Idee würden sie nicht zwingend generieren. Nun ist es keineswegs so, dass Tomo Sugao ohne Idee zu Gounods «Faust» bliebe (er hat eine, wenngleich...
