Dämonisch düster
Der Bühnenboden ist verkohlt, die Brautjungfern streuen Asche statt Blumen. Die Mainzer «Freischütz»-Inszenierung von Alexander Nerlich spielt auf verbrannter Erde. Kaspar und Max sind traumatisierte Kriegsheimkehrer mit Blut an den Händen. Der düstere Bühnenraum von Wolfgang Menardi zeigt drastische Spuren der Zerstörung. Die alte Erbförsterei ist eine Ruine, ihre hohe Holztreppe bricht in der Mitte ab wie weggesprengt. Und direkt vor der Haustür klafft die Wolfsschlucht, aus der bei Nacht die verdrängten Schreckensbilder heraufdringen.
Die Idee, die dämonischen Mächte im «Freischütz» als Traumata zu interpretieren, die aus dem Unterbewusstsein aufsteigen, ist keineswegs neu, erweist sich aber auch dieses Mal als probates Mittel, um das düstere Werk auf ein überzeugendes psychologisches Fundament zu stellen. Nicht nur Bühnenbild und Regie greifen hier konsequent ineinander, auch das von Hermann Bäumer geleitete Orchester zielt in dieselbe Richtung. Statt in der Ouvertüre ein opulentes romantisches Tableau auszubreiten, drängt der Dirigent das (in Webers historischer Aufstellung angeordnete) Orchester zu einer nüchtern prononcierten Spielweise mit geschärften Konturen und ...
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Opernwelt Januar 2022
Rubrik: Panorama, Seite 54
von Silvia Adler
Der Herr ist doch zu Haus. Kaum bricht das brachiale initiale Agamemnon-Motiv aus dem Orchester hervor, lässt er sich umständlich von einer Domestikendame in den Mantel helfen, um sich – auf dem Weg vom deutlich mit Patina überzogenen Wiener Palais zu einem Geschäftsgang in die Stadt – kurz noch mit einem übergriffigen Kuss über das junge Ding herzumachen. In...
Mrs. Lovett liebt Fleischpasteten. Aber nicht irgendwelche. Sie bevorzugt die mythische Variante. Wie Tantalos, der die Götter prüfen wollte, als er ihnen seinen Sohn Pelops zum Mittagsmahl servierte, wie Atreus, der die Söhne des Thyestes schlachtete, damit er sie seinem Bruder kredenzen konnte, so verfrachtet auch die Londoner Geschäftsfrau all jene Leichen, die...
So etwas hat natürlich immer das Potenzial für einen lokalen Aufreger: Im Vorfeld der Landestheater-Premiere von Verdis «Macbeth» in der Felsenreitschule wurde publik, dass der Bühnenboden unter Zuhilfenahme von schwerem Gerät mit 20 Tonnen heimischer Moorerde bedeckt würde. Vergleichsweise kurz flammte ökologischer Protest auf, den man mit der Botschaft abfederte,...
