Boulevard solitude
In seinem gereimten Traktat über die Einsamkeit bespielt Wilhelm Busch virtuos die Bühne sarkastischen Humors – und sucht etwa mit Augenzwinkern zu beglaubigen, dass der Einsame es guthabe, da ihn «in seinem Lustrevier kein Mensch, kein Tier und kein Klavier» störe. Und dass sich, «abgeseh’n vom Steuerzahlen, das Glück nicht schöner malen» ließe. Am anderen Ende der Skala von beißender Ironie zur bitteren Melancholie agiert Gustav Mahlers «Einsamer im Herbst» wie vor schwarzen Vorhängen, wenn er bekennt, er weine viel in seinen Einsamkeiten.
Ja, Einsamkeiten: Plural, wie es auch der Titel des vorliegenden Albums suggeriert. Denn das Wort umfasst viele Schattierungen: das aktive, selbstgewählte Alleinsein (etwa des Eremiten) ebenso wie die passive Vereinsamung des sozial Ausgestoßenen. Alexander Meier-Dörzenbach sucht dies in seinem Booklet-Essay mit einem Schwenk ins Englische zu erläutern, wenn er von «Loneliness» respektive «Solitude» schreibt.
Der dramaturgische Raum dieser CD umgreift all dies und bezieht sich dabei auf die Namen Lord Byron, Napoleon, Georg Trakl sowie jene der Komponisten Arnold Schönberg, Philippe Boesmans und Giacinto Scelsi. Wobei Boesmans mit seinen ...
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Opernwelt Januar 2022
Rubrik: Hören, Sehen, Lesen, Seite 32
von Gerhard Persché
Eine Frau ist schwanger. Sie und ihr Lebensgefährte finden keine Bleibe. Dafür sterben aus Rache und/oder Verzweiflung ein paar der Leute, die nicht geholfen haben. Der Lebensgefährte ist offenbar der Täter und wird gehängt. Klingt banal, gibt es aber jetzt als Oper.
Die «Idee» zur «Handlung» der zweieinhalbstündigen Oper «Sleepless» von Péter Eötvös geht auf die...
Von «rinascimento», von Wiedergeburt ist in Bergamo nach den finsteren Monaten der Corona-Epidemie viel die Rede, und den überbordenden, sich über zehn Stadtkilometer erstreckenden Lichtinstallationen wurde in diesem Jahr die Aufgabe zuteil, nicht nur Stimmung für Weihnachten zu machen, sondern sogar «das Geheimnis des Lebens» durchdringlich zu machen.
So nimmt,...
Interessante Selbsteinschätzung: «Ich bin beständig wie der Nordstern / Von jener wahren festen und ruhenden Qualität / Es gibt keinen anderen am Firmament. / Der Himmel ist mit unzähligen Funken bemalt. Sie sind alle schön, und jeder leuchtet; / Aber es gibt nur einen in allen, der seinen Platz hält. / Ich bin derjenige, der sich nicht bewegen kann.» So sagt und...
