Auf der Flucht
Aus dem Graben tönt die Sublimierung. Sir Donald Runnicles steuert nicht zielgerade auf die (angeblichen) Höhepunkte der Partitur zu, seien es die mit tenoralem Testosteron gestählten Schmiedelieder im ersten Aufzug oder der C-Dur-Jubel der lachenden Liebe im Schlussduett zwischen Brünnhilde und Siegfried. Der von der Queen geadelte Generalmusikdirektor der Deutschen Oper Berlin dirigiert Richard Wagners «Siegfried» an der Berliner Bismarckstraße mit britischem Understatement.
Ihn interessieren die Langstrecken zwischen den Highlights: der pianissimo-zart raunende Beginn; das Waldweben im zweiten Aufzug, bei dem er den zuvor so mühelos strahlenden Heldentenor Clay Hilley zu ungeahnter vokaler Zärtlichkeit animiert; das behutsam suchende Eindringen des Titelhelden in Brünnhildes (Nina Stemme ist immer wieder eine Wucht) geschützten Bezirk ihres von Feuer umrankten Felsens.
Runnicles schärft dabei die Verzahnung der sprechenden Leitmotive und entfaltet ein luzides, farblich differenziertes Klangbild, das Wagner zu einem Vorläufer der französischen Impressionisten macht und vom Vorurteil des Vertreters teutonischer Blechbläserorgien befreit. Der angenehme Nebeneffekt: Die ...
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Opernwelt Januar 2022
Rubrik: Panorama, Seite 56
von Peter Krause
Es ist weder die Frauenkirche noch das Maximilianeum, nicht einmal das Dach des benachbarten Nationaltheaters. Wenn Vladimir Jurowski aus seinem Büro schaut , blickt er auf Balkone vor schicken Wohnungen. «Wahrscheinlich wohnt da gar keiner», sagt er schulterzuckend. Anlageobjekte also? Auch diese Aussicht wäre damit typisch münchnerisch.
Wie man sieht, muss sich...
Eine Sekunde kann eine Ewigkeit bedeuten. Nicht nur im Sport. Auch in der Musik, als Intervall, trennt sie Welten, markiert sie womöglich den Unterschied zwischen absolut richtig und absolut falsch. Kent Nagano kann ein Lied davon singen. Dass er es singt, ehrt ihn. Weil es ein Scheitern beschreibt, dass man einem solchen Perfektionisten gar nicht zugetraut hätte....
In seinem gereimten Traktat über die Einsamkeit bespielt Wilhelm Busch virtuos die Bühne sarkastischen Humors – und sucht etwa mit Augenzwinkern zu beglaubigen, dass der Einsame es guthabe, da ihn «in seinem Lustrevier kein Mensch, kein Tier und kein Klavier» störe. Und dass sich, «abgeseh’n vom Steuerzahlen, das Glück nicht schöner malen» ließe. Am anderen Ende...
