Atem der Tradition
Viereinhalb Jahrhunderte – wer vermag eine solche Zeitspanne zu fassen, mit lebendiger Geschichte zu füllen? Die Staatskapelle Berlin feiert 2020 den 450. Jahrestag ihrer ersten Erwähnung. Als Kurbrandenburgische Hofkantorei bzw. Hofkapelle wurde sie im 16. Jahrhundert ins Leben gerufen, mit einer größeren Anzahl von Sängern und einer weit geringeren an Instrumentalisten.
Mit dem heutigen großen, leistungsfähigen und vielfältig wirksamen Opern- und Sinfonieorchester hatte dieses eher bescheidene Ensemble eigentlich nichts zu tun – es begründete aber eine Tradition, auf die Berlin durchaus mit Stolz blicken darf. Unter den Kulturinstitutionen der Stadt ist die Staatskapelle jedenfalls eine der ältesten, und zudem eine, der es gelungen ist, über die Zeiten mit ihren unterschiedlichen politischen Konstellationen, tiefgreifenden Umbrüchen und mannigfachen Wandlungsprozessen hinweg Bedeutung zu bewahren und neue Relevanz zu gewinnen.
Über den ursprünglichen Klang lässt sich nur mutmaßen – selbst im 18. und 19. Jahrhundert, als die damalige Königlich Preußische Hofkapelle zu einem Orchester von europäischem Rang aufsteigt, ist eine Geschichte dieser Art nur wenig greifbar. Zu den ...
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Opernwelt April 2020
Rubrik: Essay, Seite 52
von Detlef Giese
Eine «komponierte Interpretation» hat Hans Zender seine 1993 entstandene Version von Schuberts Liedzyklus «Winterreise» genannt. Es ist sein bekanntestes, meistaufgeführtes Werk, mit dem er auch Hörer außerhalb des Avantgarde-Zirkels erreicht. Es war nicht die erste Bearbeitung dieser «schauerlichen Lieder» (wie Schubert sie selbst bezeichnete), und es sollte auch...
Nur stillstehen, das sei nichts für ihn. Bewegen müsse er sich auf der Bühne, so sagte er einmal, aktiv und offensiv am Geschehen teilnehmen, dann sei er locker. Ungestümer als Ende der 1980er-Jahre ging es nicht: Da war Siegfried Jerusalem in der Partie seines Namensvetters eine der Stützen des so körperhaft-klugen Bayreuther Kupfer-«Rings». Eine astreine...
«O man müsst’s sehen, man müsst’s greifen können …» Nicht unbedingt mit Fäusten, wie Wozzeck es gegenüber Marie vorbringt, sondern eher mit gespannten Sinnen. Aber es geht hier ja auch nicht um Bergs Oper, sondern um Philip Glass’ «The Fall of the House of Usher». Von deren Aufführung durch die Wolf Trap Opera aus Washington DC erhalte das Ohr «bloß 40 Prozent des...
