Fleischgeworden
Nein, kein Buch mit sieben Siegeln. Aber in Bonn braucht es seine Zeit, bis es aufgeschlagen wird. Unübersehbar beherrscht es die Bühne, die Reinhild Hoffmann diesmal selbst ausgestaltet hat, geradezu einschüchternd in seiner Erhabenheit. Es könnte sich dabei um die Bibel handeln, die dem zweiten Teil des Doppelabends, dem Beethoven-Oratorium «Christus am Ölberge», Bedeutung gibt. Es könnte im ersten aber auch das Buch sein, das Lord Chandos partout nicht mehr schreiben will.
«Ein Brief» nennt sich die «reflexive Szene für Bariton, Streichquartett und Orchester» von Manfred Trojahn nach dem gleichnamigen Prosawerk Hugo von Hofmannsthals, in dem der fiktive Lord seinen Rückzug aus dem literarischen Schaffen wortreich begründet.
Auch wenn sich die Gegenüberstellung nicht spontan erschließt, ist sie doch wohl bedacht. Holger Falk, der Protagonist des Vorspiels, erscheint noch einmal kurz vor dem Schlusschor und zitiert aus dem «Heiligenstädter Testament», das Ludwig van Beethoven 1802, kurz vor der Komposition des «Christus am Ölberge», seinen Brüdern zugeeignet hat: ein Dokument der abgrundtiefen Verzweiflung, weil er die voranschreitende Ertaubung als Vorzeichen des eigenen Todes ...
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Opernwelt April 2020
Rubrik: Panorama, Seite 38
von Hartmut Regitz
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