Am Abgrund
Die Welt ist auf den Kopf gestellt: Ein großer Baum wächst in Ingo Kerkhofs «Werther»-Inszenierung verkehrt herum aus dem Bühnenhimmel; der lindgrüne Bühnenboden ist hochgeklappt und schwebt wenige Zentimeter unter der Decke. Der von Dirk Becker entworfene Raum bringt die Emotionslage des Titelhelden treffend auf den Punkt: Seit seiner ersten Begegnung mit Charlotte ist für Werther nichts mehr, wie es war. Sein Leben ist gänzlich aus dem Lot geraten.
Der Regisseur hat für die Wiesbadener Aufführung eine pandemiebedingte Fassung erstellt, die das Personal auf vier Hauptfiguren reduziert. Massenets 1892 in Wien uraufgeführtes Operndrama, dessen melodramatische Gefühlsmacht in Paris gefeiert wurde, bei der deutschen Erstaufführung in Weimar aber bei Goethe-Gralshütern auf wenig Gegenliebe stieß, entfaltet in Kerkhofs Bearbeitung eine kammerspielartige Qualität, die wie eine Wiederannäherung des effektvollen Drame lyrique an Goethes intimen Briefroman wirkte. Die emotionsgeladene Klangmacht des von Peter Rundel geleiteten Orchesters mit ihren effektvoll auflodernden Höhepunkten bildet einen starken Kontrast zu der konsequenten Reduktion auf der Bühne. In weißen Großbuchstaben ist ...
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Opernwelt Februar 2022
Rubrik: Panorama, Seite 47
von Silvia Adler
Auf den Plakaten zur Göteborger «Götterdämmerung» prangt nicht etwa Richard Wagners deutscher Titel des dritten und letzten Tages seiner Tetralogie. Vielmehr steht da in großen Lettern «Ragnarök» geschrieben. Jüngeren Besuchern fällt dazu die gleichnamige dänisch-norwegische Fantasy-Serie ein, die nordischen Mythos und aktuelle Umweltzerstörung kurzschließt. Für...
Nach der Uraufführung von Bellinis «Zaira» 1829 in Parma hagelte es Spott: Wer die Inspiration von Herrn Bellini finden sollte, werde gebeten, sie im Büro des Impresarios abgeben – so der bissige Appell auf den Straßenaushängen tags darauf. Die auf Voltaires gleichnamiger Tragödie beruhende Oper in der Libretto-Fassung von Felice Romani war der erste große...
Mit rot verschmiertem Mund, wie ein trauriger Clown, beklagt Cleopatra ihr Schicksal. Eben noch hat Tolomeo die gefangene Schwester sadistisch erniedrigt, an der Leine geführt wie einen Hund (man erinnert sich an Pasolinis berüchtigten Schwanengesang «Salò»). Doch dann singt Louise Alder das «Piangerò la sorte mia» unglaublich berührend, mit engelsgleichem Ton. Es...
