Am Abgrund
Die Welt ist auf den Kopf gestellt: Ein großer Baum wächst in Ingo Kerkhofs «Werther»-Inszenierung verkehrt herum aus dem Bühnenhimmel; der lindgrüne Bühnenboden ist hochgeklappt und schwebt wenige Zentimeter unter der Decke. Der von Dirk Becker entworfene Raum bringt die Emotionslage des Titelhelden treffend auf den Punkt: Seit seiner ersten Begegnung mit Charlotte ist für Werther nichts mehr, wie es war. Sein Leben ist gänzlich aus dem Lot geraten.
Der Regisseur hat für die Wiesbadener Aufführung eine pandemiebedingte Fassung erstellt, die das Personal auf vier Hauptfiguren reduziert. Massenets 1892 in Wien uraufgeführtes Operndrama, dessen melodramatische Gefühlsmacht in Paris gefeiert wurde, bei der deutschen Erstaufführung in Weimar aber bei Goethe-Gralshütern auf wenig Gegenliebe stieß, entfaltet in Kerkhofs Bearbeitung eine kammerspielartige Qualität, die wie eine Wiederannäherung des effektvollen Drame lyrique an Goethes intimen Briefroman wirkte. Die emotionsgeladene Klangmacht des von Peter Rundel geleiteten Orchesters mit ihren effektvoll auflodernden Höhepunkten bildet einen starken Kontrast zu der konsequenten Reduktion auf der Bühne. In weißen Großbuchstaben ist ...
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Opernwelt Februar 2022
Rubrik: Panorama, Seite 47
von Silvia Adler
Seien wir ehrlich: Das Stück war uns unbekannt. Und auch sein Schöpfer, der portugiesische Barockmeister Francisco António de Almeida, 1702 geboren und vermutlich beim Erdbeben von Lissabon anno 1755 zu Tode gekommen, kaum vertraut. Aber was ist das für eine Musik! Göttlich ist sie, würde- und seelenvoll, erhaben – und von einer Schönheit, die überirdisch zu nennen...
Die trauen sich was in Bern! Erst einmal benennen sie das Theater um, in Bühnen Bern, was Sinn ergibt, da der alte, lange gültige Name (Konzert Theater Bern) so sperrig wie bürokratisch war. Dann engagiert der seit Beginn dieser Spielzeit amtierende Intendant Florian Scholz, der zuvor das Stadttheater in Klagenfurt durchaus gewinnbringend leitete, eine Opernnovizin...
Jetzt habe er die Faxen aber dicke von der Oper, sagte Markus Lüpertz während der Pressekonferenz am Premierenabend. Mehr als acht Wochen hat der 80-Jährige im Mal- und Probensaal des Meininger Staatstheaters durchgearbeitet, nun scheint er zufrieden mit seinem Versuch, Puccinis «La Bohème» auf die Bühne gebracht zu haben. Das Publikum jedenfalls zeigte sich vom...
