Alles nur Kino
Phänomenal! In Genf singt sich John Osborn als Raoul in «Les Huguenots» in die schmale Riege herausragender Meyerbeer-Tenöre – der Vergleich mit dem vor drei Jahren verstorbenen Nicolai Gedda ist nicht zu hoch gegriffen. Schon in der ersten Romanze gibt Osborn dem Affen Zucker und findet gleichzeitig himmlische Piani mit feinster Messa di voce. Über drei Stunden später stürzt er sich mit einer martialischen Cabaletta in den Kampf, ohne dass auch nur ein Hauch von Müdigkeit zu hören wäre.
Vor neun Jahren in Brüssel war der Tenor aus Sioux City noch die Zweitbesetzung für diese mörderische Rolle. Diesmal setzt er Maßstäbe, gerade auch in der nuancierten Sprachgestaltung, als wäre Französisch seine Muttersprache. Die Regie fokussiert auf die Karikatur eines tumben Landadligen, der durch sein Schicksal stolpert. Das ist in Scribes Libretto sehr deutlich angelegt, wird in Genf – mit Raouls zu großem Jackett – fast überzeichnet. Doch Osborn findet mit diesen Vorgaben zu einer sehr eindringlichen schauspielerischen Leistung.
Die Figur des Raoul gehört zu den wenigen überzeugenden Elementen in Jossi Wielers und Sergio Morabitos Inszenierung. Offensichtlich hat sich das Stuttgarter Tandem ...
Weiterlesen mit dem digitalen Monats-Abo
Sie sind bereits Abonnent von Opernwelt? Loggen Sie sich hier ein
- Alle Opernwelt-Artikel online lesen
- Zugang zur Opernwelt-App und zum ePaper
- Lesegenuss auf allen Endgeräten
- Zugang zum Onlinearchiv von Opernwelt
Sie können alle Vorteile des Abos
sofort nutzen
Opernwelt April 2020
Rubrik: Im Focus, Seite 10
von Anselm Gerhard
Der Theater- und zeitweilige Opernregisseur Michael Thalheimer hat einmal in kluger Differenzierung den Unterschied zwischen Idee und Einfall beschrieben. Einfälle, so Thalheimer, könnten noch so fantasievoll sein, eine Idee würden sie nicht zwingend generieren. Nun ist es keineswegs so, dass Tomo Sugao ohne Idee zu Gounods «Faust» bliebe (er hat eine, wenngleich...
Kaum ein Topos der Kulturgeschichte ist so sehr mit Assoziationen, Klischees und Vorurteilen überkrustet wie der der Femme fatale, der gefährlichen, verlockenden Schönen, die rigoros einzig sich selbst folgt, die Männer in den Untergang treibt, um ihnen wiederum zum Opfer zu fallen: Judith, Dalila, Carmen, Kundry, Salome, Lulu. Doch schon die Reihenfolge verweist...
«O man müsst’s sehen, man müsst’s greifen können …» Nicht unbedingt mit Fäusten, wie Wozzeck es gegenüber Marie vorbringt, sondern eher mit gespannten Sinnen. Aber es geht hier ja auch nicht um Bergs Oper, sondern um Philip Glass’ «The Fall of the House of Usher». Von deren Aufführung durch die Wolf Trap Opera aus Washington DC erhalte das Ohr «bloß 40 Prozent des...
