Zwischen den Zeilen

Margarita Gritskova interpretiert Lieder und Romanzen von Dmitri Schostakowitsch, Maria Prinz begleitet vorbildlich

Ist’s Wirklichkeit? Ein Traum? Irgendwo in der Ferne flattert ein Vogel über die Tasten eines Flügels, unaufgeregt, leise, wie beiläufig. An seiner Seite ein Jüngling, lockenbekränzt. Und zu diesem Paar, tritt, wie aus dem Nichts, diese suggestive Frauenstimme hinzu, schwärmerisch fließend, fragil, und überzieht das asketische Klangfeld mit einem Fluidum, dessen Aura man augenblicklich verfällt. Wie sagt die Dichterin so schön? «Ich habe aber noch nie solche Gesänge / in der Dunkelheit der Nacht gehört.

«  

«Woher diese Zärtlichkeit?» heißt das zweite jener sechs poetisch verrätselten Gedichte von Marina Zwetajewa, die Dmitri Schostakowitsch in seinem Zyklus op. 143 vertonte. Die Klangsprache ist extrem reduziert, doch dem Komponisten genügen ein koketter Lidaufschlag am Klavier, eine sanft ansteigende Phrase in der Gesangslinie als Hinweise auf den halluzinatorischen Zustand, in den sich sein Alter Ego flüchtet, um der Realität entwischen zu können. Margarita Gritskova singt das, von der Pianistin Maria Prinz höchst einfühlend begleitet, mit wahrer Hingabe, intensiv und zumal in der Tiefe mit bestechender Intensität. Jeder Ton ein Zauberwort. Oder soll man sagen: ein Seufzer aus ...

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Opernwelt Februar 2021
Rubrik: Hören, Sehen, Lesen, Seite 31
von Jürgen Otten

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