Wüste Herz

Tobias Kratzer zeigt in seiner Tallinner «Aida» Radames als Kriegstraumatisierten. Das vokale Kraftzentrum ist Amneris

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An einem der Twin-Betten lehnt ein Rucksack, Radames’ Uniformjacke hängt an der Garderobe. Das Vorhangmuster wiederholt sich auf den Badezimmerkacheln. Hinterm Balkongeländer erstreckt sich eine Betonwüste; manchmal geht Amneris draußen in der Hitze eine rauchen. Eine ziemlich armselige Absteige, dieses Hotel: Radames’ Leben riecht nach Sackgasse (Ausstattung: Rainer Sellmaier). Gequält windet er sich, als ihm – Fata Morgana auf Gazeschleier – ein knopfäugiger Elefant erscheint. Regisseur Tobias Kratzer gönnt dem Talliner Publikum diesen kleinen Bissen Exotismus.

Später zeigt er per Projektion einige «Wilde» mit Speeren, Pfeil und Bogen: Krieg ist Krieg, unabhängig vom Stand der Technik.

Radames ist eigentlich an dieser Stelle schon erledigt. Traumatisiert, kaum noch gesellschaftsfähig. Dass er von Präsident Re jetzt befördert wird, ist wahrscheinlich das Schlimmste, was ihm passieren kann. Tatsächlich scheint der Bote, der vor den Äthiopiern warnt, sein Schicksal vorwegzunehmen: Abgerissen und erschöpft sinkt der Soldat zu Boden, Ströme von Sand rinnen aus seinen Ärmeln, Hosenbeinen, Taschen. Während alle «Guerra!» jubeln, gibt er sich im Hotelflur unbemerkt die Kugel. Ja, Radames ...

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Opernwelt März 2016
Rubrik: Im Focus, Seite 4
von Wiebke Roloff

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