Wildeste Leidenschaften

Wiederentdeckt: «Déjanire» von Camille Saint-Saëns

Opernwelt - Logo

Sie läuft wie ein offenes Messer durch die Welt: Das kann man auch von Déjanire sagen, aber das Messer hat einen Zackenschliff. Begleitet von einem fallenden Viertonmotiv, in dem ein Tritonus von zwei verminderten Quarten gerahmt wird, erscheint die aufs Höchste alarmierte Noch-Ehefrau des großen zivilisatorischen Helden am Ende des ersten Akts, nachdem auf der Szene schon das ganze übrige Personal vorgestellt worden war.

Hercule hat sich selbst vorab moralisch absolviert, denn fataler Götterwille sei seine Liebe zur liebreizenden Iole, der Tochter des gerade von ihm besiegten und getöteten Tyrannen Eurytos. In Momenten der unwiderstehlichen Bezauberung mitten in Déjanires erbittertem Dialog mit dem untreuen Ehemann im zweiten Akt glätten sich in A-Dur die Zacken zu milden Terzen und Quarten. Am Ende des Werks aber, wenn Hercule bei der ertrotzten Hochzeitsfeier mit Iole im Begriff ist, das Nessus-Gewand anzulegen, brechen die vier Viertelnoten Déjanires in Hercules’ emphatische erst Neun- dann Sechsachtel-Melodie in E-Dur mit brutaler metrischer Gewalt ein. Das ist hier wie in vielen anderen Momenten der Oper feinste kompositorische Arbeit, Psychologie realisiert unmittelbar in ...

Weiterlesen mit dem digitalen Monats-Abo

Sie sind bereits Abonnent von Opernwelt? Loggen Sie sich hier ein
  • Alle Opernwelt-Artikel online lesen
  • Zugang zur Opernwelt-App und zum ePaper
  • Lesegenuss auf allen Endgeräten
  • Zugang zum Onlinearchiv von Opernwelt

Sie können alle Vorteile des Abos
sofort nutzen

Digital-Abo testen

Opernwelt Juli 2024
Rubrik: CD, DVD, Buch, Seite 34
von Klaus Heinrich Kohrs

Weitere Beiträge
Schwarze Wasser

Das Bild, man kann es nicht anders sagen, ist trostlos. Einsam und verlassen, im eleganten, schwarzglitzernden Kleid, die Haare halbhoch getürmt, hockt Katerina Ismailowa in der Dunkelheit vor dem Hintereingang eines Varieté-Theaters, begleitet nur vom elegischen Gesang der Soloklarinette, von sehnsüchtigen Violinen und zarten Flötenterzen, so als habe das Leben...

Zeitparabel

Man könnte denken, diese Oper sei soeben erst in Moskau geschrieben und ins Deutsche übersetzt worden, um den in Russland stark verbreiteten Denunziationen zu entgehen. Denn der in Einsamkeit regierende Herrscher, der sich in Viktor Ullmanns «Kaiser von Atlantis» für eine Weile «zum besseren Regieren» zurückgezogen hat, das ist im Grunde Russland. Und der «Krieg...

Atemloser Sinnestaumel

Selbst für Aficionados beginnt Donizettis Karriere spät: mit «Anna Bolena», die er als 33-Jähriger Ende 1830 in Mailand herausgebracht hatte. Von den etwa 30 Opern vor 1830 ist heute nur eine einzige präsent: «Viva la mamma». Dabei hat die Forschung immer wieder auf die Bedeutung einer Partitur hingewiesen, die am Neujahrstag 1828 in Neapel Premiere hatte: «L’esule...