Wildeste Leidenschaften

Wiederentdeckt: «Déjanire» von Camille Saint-Saëns

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Sie läuft wie ein offenes Messer durch die Welt: Das kann man auch von Déjanire sagen, aber das Messer hat einen Zackenschliff. Begleitet von einem fallenden Viertonmotiv, in dem ein Tritonus von zwei verminderten Quarten gerahmt wird, erscheint die aufs Höchste alarmierte Noch-Ehefrau des großen zivilisatorischen Helden am Ende des ersten Akts, nachdem auf der Szene schon das ganze übrige Personal vorgestellt worden war.

Hercule hat sich selbst vorab moralisch absolviert, denn fataler Götterwille sei seine Liebe zur liebreizenden Iole, der Tochter des gerade von ihm besiegten und getöteten Tyrannen Eurytos. In Momenten der unwiderstehlichen Bezauberung mitten in Déjanires erbittertem Dialog mit dem untreuen Ehemann im zweiten Akt glätten sich in A-Dur die Zacken zu milden Terzen und Quarten. Am Ende des Werks aber, wenn Hercule bei der ertrotzten Hochzeitsfeier mit Iole im Begriff ist, das Nessus-Gewand anzulegen, brechen die vier Viertelnoten Déjanires in Hercules’ emphatische erst Neun- dann Sechsachtel-Melodie in E-Dur mit brutaler metrischer Gewalt ein. Das ist hier wie in vielen anderen Momenten der Oper feinste kompositorische Arbeit, Psychologie realisiert unmittelbar in ...

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Opernwelt Juli 2024
Rubrik: CD, DVD, Buch, Seite 34
von Klaus Heinrich Kohrs

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