Vexierbilder der Gewalt

Uwe Schweikert über Halévys «La Juive» in Stuttgart, inszeniert von Jossi Wieler und Sergio Morabito

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Der erste Schock stellt sich ein, wenn der Vorhang hochgeht. Man fühlt sich in ein Filmstudio oder ins Laientheater versetzt: links das Portal einer Kirche – die Handlung spielt 1414 zur Zeit des Kons­tanzer Konzils –, rechts das schmu­cke Fachwerkhaus des jüdischen Goldschmieds Eléazar, dazwischen ein Platz, der den Blick auf einen Wehrgang freigibt. Ein pittoreskes Mittelalter im überdimensionierten Puppenstubenformat, wie das Libretto es andeutet. Doch es sollte, scheinbar, noch schlimmer kommen.

Wenn der Chor nach dem einleitenden «Tedeum» auf die Szene strömt und sich die Massenhysterie aus Jahrmarktstaumel und Judenhass auf Eléazar und seine Tochter Rachel entlädt, werden wir Zeugen einer farbenfreudigen Verkleidungsshow, die aus Alltags­figuren jene Laienschar macht, die als blindwüt­iges Kollektiv das grausame Katz-und-Maus-Spiel des antisemitischen Pogroms beginnt. Die überrumpelnde Theatralik, der Jossi Wieler und Sergio Morabito sich hier bedienen, erinnert an Elias Canettis Beschreibung der Hetzmeute in «Masse und Macht» und schreckt selbst vor der Groteske nicht zurück – wenn Neider dem Kaiserdarsteller die Krone und den Purpurmantel herunterreißen oder gleich drei ...

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Opernwelt Mai 2008
Rubrik: Im Focus, Seite 8
von Uwe Schweikert

Vergriffen
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