Ungeahnt leicht und pointiert
Es wird hektisch, der Gatte naht. Ein Sprung hinter den Lehnstuhl, ein kopfloses Fliehen an der Rampe auf der Suche nach dem Versteck im Nebenraum. Normalerweise käme irgendwann der Sprung durchs Bühnenfenster in den Garten oder, manche Regisseure wollen auf den nahe liegenden Gag ja nicht verzichten, in den Orchestergraben. Man denkt an Mozarts «Figaro», muss sich dazu jedoch die Ohren verstopfen. Denn: Aus besagtem Graben schießen Zwölftongesten empor.
Ein Funkenflug, ein Oszillieren in Neontönen – ob die deutschösterreichische Spieloper in den 1930er-Jahren tatsächlich eine Fortsetzung erfahren hat?
Jens-Daniel Herzog, regieführender Hausherr des Staatstheaters Nürnberg, hat einfach genau auf diese Musik gehört. Auf ihr groteskes Potenzial, auf ihre herbe Munterkeit, auf ihre slapstickhaften Verästelungen. Und höre, siehe da: Alban Bergs «Lulu» bekommt eine ungeahnte Leichtigkeit. Weg geht es vom Vamp-Krampf, von der tief gründelnden Psychokiste mit Todesfolgen. Eine dunkle Boulevardkomödie, bei der die Ermordeten und Suizidfälle eher als Kollateralschäden verbucht werden. Sehr riskant ist dieser Ansatz, zugleich aber hochmusikalisch.
So tragisch diese Handlung ist, so sehr bleibt «Lulu» doch ein filmisch montiertes Frauenschicksal aus Absurdistan. Und wie bizarr die Figuren auch sein mögen, die Herzog aufmarschieren und auflaufen lässt, so sehr bewahrt er sie vor dem Karikaturenalarm – auch wenn manches sich ereignet zwischen heruntergelassener Hose und der Rod-Stewart-Gedächtnisperücke von Tierbändiger respektive Athlet. Was der Nürnberger Produktion damit gelingt: eine Anti-Klischee-Aktion. Lulu als Männerphantasie, als bloße Projektionsfläche, als Objekt lüsterner Kerle und einer lesbischen Gräfin? All dies erleben wir nicht. Herzogs Lulu gewinnt das Heft des Handelns zurück. Ein Weg nach oben und in den Untergang aus einem einzigen Grund: weil sie es so will.
Vereint mit Mathis Neidhardt (Bühne) und Sibylle Gädeke (Kostüme) lässt Herzog die Handlung in einem undefinierbaren Jetzt spielen bis hin zum gezückten Handy – das Detail ist mal nicht nervtötender Modernismus. Überhaupt alles entwickelt sich an diesem Abend vollkommen natürlich, nur eben häufig eine gewollte Umdrehung zu viel. Im hohen Einheitsraum reichen ein paar Requisiten: Sofa, Tisch, Stühle, eine Treppe hinauf in den ersten Stock, ein Schminktisch – in Windeseile können Szenerien wechseln. Ein paar Türen mehr, und die Klipp-Klapp-Komödie wäre perfekt.
Zur Wahrheit gehört auch: Das Konzept blendet vor der Pause einige Aspekte aus: das Existenzielle, die sozialen Fallhöhen, das Grauen hinter dem Abgrund. Mit der Pause erfährt der Abend jedoch einen Bruch. Musikalisch, weil der dritte Akt gespielt wird, in der gerafften Fassung von Eberhard Kloke. Und szenisch driftet die Szene ins Surreale, beim Erscheinen von Jack the Ripper ins Dämonische. Die Möbel sind bedeckt mit weißen Laken; es signalisiert Umzug und innerlichen Neubeginn der Figuren. Als sämtliche Figuren gleichzeitig ihre Befindlichkeiten äußern, postiert Herzog sie an der Rampe zum Plapper-Oratorium. Einmal senkt sich ein halbhoher Vorhang wie eine Brecht-Gardine herab. Man wähnt sich in einem bizarren Sequel zum ersten Teil – was ja, mit Blick auf den unvollendeten, unbewältigten Finalakt, eigentlich nahe liegend ist.
Auch die Musik verliert schließlich und weitgehend ihr Wetterleuchten, ihre ins Äußerliche drängende Aufgeregtheit. Alles ist elegischer, raumgreifender, flächiger in der Gestik. Ein Atmosphärenwechsel ins Unergründliche, den Roland Kluttig mit der Staatsphilharmonie Nürnberg genau nachzeichnet. Es ist ein Dirigat der souveränen Disposition und klugen Dosierung. Die filigranen Verläufe, die Komik, das Changieren zwischen atonalem Drechseln und Sinnlichkeit, auch der spätestromantische Schmerzenston, all das ist präsent, wird aber nie demonstrativ. Vor allem aber: Keine Sängerin, kein Sänger wird mit der Musik in der heiklen Nürnberger Akustik überfahren, das Publikum übrigens auch nicht. Es ist Kluttigs erste Auseinandersetzung mit «Lulu», man mag es kaum glauben. Auch weil das Orchester so lustvoll wie selbstverständlich mitgeht.
Zugute kommt dieses differenzierte Dirigat der kühlen Sonne des Abends. Juliana Zara, die als Lulu ihre Perücken und Kleider wie Identitäten wechselt, hat eine lyrische, eher kleinformatige, in hellen Farben changierende Stimme. Trotzdem ist da ein sehr energetisches, nie forciertes Singen – und im Spiel eine hochtourige Präsenz. Auch dank Zara droht nie Stereotypes, im Gegenteil: Mit Traditionen und Erwartungen scheint diese Sängerin zu jonglieren. Der einzig echte Liebesmoment, der auf der Nebenbühne mit dem Erstechen Lulus endet, wird eher unterspielt. Dr. Schön alias Jack the Ripper des baritonmächtigen, in der Diktion genauen Simon Neal bewegt sich da zwischen Hilflosigkeit und behaupteter Autorität. Martin Platz ist ein Alwa mit gedecktem Tenorstrahl, die Facetten der Figur macht er mit kleinen, nie karikaturenhaften (Klang-)Gesten plausibel. Almerija Delic leiht ihrer Geschwitz sinnliche Mezzo-Dramatik, bei Hans Kittelmann (Prinz, Kammerdiener, Marquis) vergisst man wie immer, ob er singender Schauspieler oder der umgekehrte Fall ist. Taras Konoshchenko gibt einen Schigolch der feinen Zwischentöne, kein Großväterchen im vokalen Spätherbst. Auch das übrige Ensemble ist auf den Punkt besetzt. Eine Vielzahl von Charakteren und Schicksalen wird hier mit wenigen Strichen belebt, auch das nimmt ein für diese szenische Lösung. Eine Regie, die das Stück fast verlustfrei und puristisch auf Normalmaß bringt – und es wegbringt von der Psycho-Couch, hin zur ungeahnten Pointierung.
Mit dieser letzten Nürnberger Saisonpremiere endet die Reise durch die Welt der Opern-Außenseiter – vom Fliegenden Holländer über Violetta, dem Amokläufer in Saariahos «Innocence» und den «Freischütz»-Max bis hin zu Bergs und Wedekinds «süßem Tier», wie es im Prolog heißt. Alles kluge, gewagte, ergiebige Untersuchungen – was für eine Spielzeit!
Berg: Lulu
NÜRNBERG | STAATSTHEATER Premiere: 17. Mai 2026
Musikalische Leitung: Roland Kluttig
Inszenierung: Jens-Daniel Herzog
Bühne: Mathis Neidhardt
Kostüme: Sibylle Gädeke
Licht: Fabio Antoci
Solisten: Juliana Zara (Lulu), Georg Festl (Tierbändiger/Athlet), Simon Neal (Dr. Schön/ Jack the Ripper), Martin Platz (Alwa), Tristan Blanchet (Maler), Taras Konoshchenko (Schigolch), Hans Kittelmann (Prinz/Marquis/Kammerdiener), Almerija Delic (Gräfin Geschwitz) u. a.
www.staatstheater-nuernberg.de
Opernwelt Juli 2026
Rubrik: Im Focus, Seite 20
von Markus Thiel
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