Connaisseur der alten Schule

Mit Jürgen Kesting, der im Alter von 85 Jahren verstorben ist, verliert die Musikkritik einen der letzten Einwohner der Gelehrtenrepublik. Ein Nachruf

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Spätestens kurz nach Pfingsten musste man sich sorgen. Die F.A.Z.-Rezension über die Premiere von Rossinis «Il viaggio a Reims» bei den Salzburger Festspielen stammte nicht, wie gewohnt, aus der Feder von Jürgen Kesting, für den die Stadt an der Salzach so etwas wie eine zweite musikalische Heimat geworden war. Seit fast 30 Jahren berichtete Kesting regelmäßig von dort, und dies in der ihm eigenen Mischung aus Meinungsstärke und höchstem Sachverstand. Nun aber schwieg er, und das aus unguten Gründen.

Der in Hamburg lebende Journalist, Publizist, Moderator und Stimmenkundler war schwer erkrankt. Wenig später, am 5. Juni, verstarb er mit 85 Jahren.

Ein gesegnetes Alter, möchte man meinen. Nicht aber für diesen bis zuletzt neugierigen Mann, dessen Wissen weit über das rein Musikalische hinausreichte. Kein Wunder, der 1940 in Duisburg geborene Kesting hatte Germanistik, Anglistik und Philosophie studiert. Worüber auch immer er schrieb, dieser Hintergrund wurde spürbar. Da war kein Kritiker am Werk, der mal eben den Daumen senkt oder hebt, sondern ein Mann, den die kulturhistorischen, politischen und geschichtsphilosophischen Implikationen eines Werkes interessierten, dessen Wirkung in ...

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Opernwelt Juli 2026
Rubrik: Magazin, Seite 93
von Jürgen Otten

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