«Nur der blickt heiter der nach vorders schaut»

Vor zehn Jahren, zu seinem siebzigsten Geburtstag, haben wir Dietrich Fischer-Dieskau das «Opernwelt»- Jahrbuch gewidmet, und er äußerte in einem breit angelegten Gespräch vieles über sich und sein Leben, was bei dieser Gelegenheit zum ersten Mal überhaupt zu lesen war. Nun, zu seinem Achtzigsten, konzentriert sich das Gespräch auf ein enger ­gefasstes Themenfeld: Singen als Kommunika­tions­prozess. Welche Rolle spielen ­dabei Wort und Musik? Was bedeutet, was gefährdet die Artikula­tion? Und was geht durch die kulturelle Glo­balisierung ver­loren? Thomas Voigt hat den Jahrhundert­sänger in seinem ­Ber­liner Haus besucht.

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«Prima la musica, dopo le parole»? Diese Frage scheint sich bei Dietrich Fischer-Dieskau, der als «extrem textdeutlich» gilt, eigentlich zu erübrigen…
Durchaus nicht, denn das ist für mich bis heute eine der zentralen Fragen des Sängerberufes: Wie schaffe ich es, Töne und Worte, Singen und Sprechen in Einklang zu bringen? Und ich finde, so textdeutlich, wie man mir immer wieder nachsagt, war ich gar nicht.

Wenn ich heute meine Platten höre, denke ich oft: «Wehe, wenn einer meiner Schüler so singen würde!»

Haben Sie den Eindruck, dass heute mehr Sorgfalt auf Tonproduktion als auf gute Artikulation gelegt wird?
Leider, ja. Es gibt heute sehr viele Sänger, die alles auf «o» und «u» singen, da versteht man überhaupt nichts vom Text, egal in welcher Sprache. Und das kann einfach nicht Sinn der Sache sein, schon gar nicht beim Liedgesang, wo man sich ja zum überwiegenden Teil mit großer Dichtung beschäftigt. Deut­liche Artikulation ist nun mal essenziell, eines der ersten Dinge, die ein Sänger lernen muss. Denn er will ja jemanden ansprechen, und wie soll da eine Kommunikation zustande kommen, wenn er nicht verstanden wird?

In manchen Opernhäusern hat man den Kampf gegen die Schlampereien ...

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Opernwelt Mai 2005
Rubrik: Interview, Seite 44
von Thomas Voigt

Vergriffen
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