Melancholischer Pierrot in böser (Theater!-)Welt
Das Theater besitzt, besser: besaß manchmal auch eine prophetische Kraft, ein feines Sensorium für kommende Ereignisse. Prokofjews «Liebe zu den drei Orangen» darf insofern nicht nur als unterhaltsame Heiterkeit gesehen werden. Wenn der König, nachdem sein Sohn, der schwermütige Prinz, sich gegen ihn gestellt und ihn verlassen hat, einen Schuldigen sucht und diesen schließlich bei den Theatermenschen ausmacht, so spiegelt diese bösartige Szene parabelhaft ein Stück sowjetisch-russischer Realität.
Prokofjews Opernlibretto, von ihm selbst verfasst, basiert auf Meyerholds Gozzi-Adaption. Im recht vertrottelt wirkenden König Trèfle verbirgt sich auch ein tyrannischer Herrscher, der es geschickt versteht, schnell für alles Missgeschick einen Schuldigen auszumachen. Für König Trèfle ist es das Theater, für Stalin war es die Intelligenz, zu der auch Meyerhold zählte. Bekanntlich wurde dieser auf Befehl Stalins später erschossen. «L’Amour des trois Oranges» ist ein elegant-grimmiges Bestiarium, in dem die Gattung Mensch auftritt, ganz realistisch, wenn auch auf der zweiten Ebene: Denn auf der ersten werden schließlich Realismus und Psychologie energisch in den Theaterfundus verbannt. Die ...
Weiterlesen mit dem digitalen Monats-Abo
Sie sind bereits Abonnent von Opernwelt? Loggen Sie sich hier ein
- Alle Opernwelt-Artikel online lesen
- Zugang zur Opernwelt-App und zum ePaper
- Lesegenuss auf allen Endgeräten
- Zugang zum Onlinearchiv von Opernwelt
Sie können alle Vorteile des Abos
sofort nutzen
Das Vorspiel zu einem tollen Tag, in der Tat. Die Ouvertüre zur «Hochzeit des Figaro» – bei Karen Kamensek und dem in kleiner Besetzung klaglos mitpreschenden und nirgends ins Flattern geratenden Freiburger Philharmonischen Orchester ist das ein Mozart des enormen Tempos. Ein Sturm braust über das Anwesen derer von Almaviva hinweg: Revolution ante portas – und...
Wie kein anderes hat sich das Label Orfeo des Wiener Staatsopernjubiläums angenommen. Von den sieben Opernpremieren des heißen Herbstes 1955 gibt es neben bereits existierenden kompletten Live-Mitschnitten nun zusätzlich Highlights auf drei CDs, wobei die bisher nicht auf CD erhältlichen Ausschnitte aus «Aida» (mit Leonie Rysanek und Hans Hopf unter Rafael Kubelik)...
Herr Stein, Sie haben vor zehn Jahren in Amsterdam «Moses und Aron» von Arnold Schönberg inszeniert. Nun sind Sie für eine neue Produktion von Hans Werner Henzes «The Bassarids» an De Nederlandse Opera zurückgekehrt. Beide Werke verhandeln fundamentale philosophische Gegensätze. Haben Sie eine Vorliebe für solche Konfrontationen?
Theater handelt immer von...
