Mal ehrlich

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Welche Maßstäbe sollte man an einen Sänger anlegen? Zählen Fähigkeiten oder Erfolge? Ich bin für Fähigkeiten, denn was nützt ein Lebenslauf der Superlative, wenn man kaum noch krächzen kann? Allerdings ist der «United States Customs and Immigration Service» (USCIS) da anderer Meinung: Mir wurde gerade ein Visum verweigert.

Ich sollte Basilio in «Le nozze di Figaro» singen. Doch in der Frage, ob ich in der Lage bin, kleine Charakterrollen zu singen, ist der Casting-Kompetenz der Opera Philadelphia offenbar nicht zu trauen.

Stattdessen befand irgendwer irgendwo in einem Vermonter Büro, dass ich dafür doch eigentlich ein Star sein müsste. Zum Nachweis verlangte man von mir: 1. tolle Kritiken, 2. meine Preisliste («Oscars, Emmys oder Grammys»), 3. meinen Marktwert (gibt’s für besagtes Engagement richtig Schotter?).

Ich stand natürlich dumm da. Kritiken heb ich nie auf. Mal ehrlich, ich mach den Job seit 36 Jahren, da spielen die echt keine Rolle mehr. Schon deshalb, weil man mit meiner Spezialisierung – den Charakter-Randpartien – sowieso fast nie erwähnt wird. Pokale? Ich hab seit 1980 nichts mehr gewonnen. Mag sein, dass irgendwelche Aufnahmen, an denen ich beteiligt war, ...

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Opernwelt April 2017
Rubrik: Aus dem Leben eines Taugenichts, Seite 78
von Christopher Gillett

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