Foto: promo

Meister der Reduktion

Zum 70. Geburtstag des Komponisten Salvatore Sciarrino

Opernwelt - Logo

Dass Musik der Stille entspringt, dass Töne und Geräusche der Stille bedürfen, um Wirkung zu entfalten, ist eine Binsenweisheit. Doch bei wenigen Komponisten unserer Zeit wird sie gleichsam zum Äther des Klanggeschehens. Zu einer Art Nährstoff, der jede Schwingung, jede Schwebung durchdringt. Zu einer Kraft, die dem Unerhörten, dem Unaussprechlichen Form und Gestalt gibt. Bei Salvatore Sciarrino schon. Und wie!

Was dieser Einzelgänger außerhalb aller Ismen und Schulen erfindet, scheint tatsächlich aus dem Nichts geboren. Und bleibt auf das absolut Notwendige beschränkt.

Der 1947 in Palermo geborene Komponist, der sich das Notenschreiben zunächst selbst beibrachte, ist ein Meister der Reduktion, einer Kurzschrift ohne kalligrafische Zier. Klang wird als Klang erfahrbar, als eine Energie, die unmittelbar trifft. Dahinter steht die Suche nach einer musikalischen Authentizität, die bei null ansetzt. Nach Tönen, Rhythmen, Harmonien nicht einer (mehr oder weniger) vertrauten Sprache, sondern eines uferlos zirkulierenden Bewusstseinsstroms jenseits der Sprache. Nach Drama, das sich weniger auf der Szene als in der Musik selbst ereignet.

Ein Musikdramatiker von unvergleichlichem Format ...

Weiterlesen mit dem digitalen Monats-Abo

Sie sind bereits Abonnent von Opernwelt? Loggen Sie sich hier ein
  • Alle Opernwelt-Artikel online lesen
  • Zugang zur Opernwelt-App und zum ePaper
  • Lesegenuss auf allen Endgeräten
  • Zugang zum Onlinearchiv von Opernwelt

Sie können alle Vorteile des Abos
sofort nutzen

Digital-Abo testen

Opernwelt April 2017
Rubrik: Magazin, Seite 84
von Albrecht Thiemann

Weitere Beiträge
Gemeinsam getrennt

Musikologie ist leider keine «fröhliche Wissenschaft» im Sinne Friedrich Nietzsches, der seine Schrift «Vom Nutzen und Nachteil der Historie für das Leben» mit Goethe eröffnet: «Übrigens ist mir alles verhaßt, was mich bloß belehrt, ohne meine Tätigkeit zu vermehren oder unmittelbar zu beleben.» Ob Quellenkunde oder pingelige Analyse, der Bezug zur Gegenwart bleibt...

Zwischentöne

Die Nachtseiten des Daseins, Melancholie, Schmerz und Tod sind die Themen, um die die Musik des österreichischen Komponisten Georg Friedrich Haas kreist – nicht zuletzt die in Zusammenarbeit mit seinem Landsmann Händl Klaus zwischen 2011 und 2016 für die Schwetzinger Festspiele entstandene Opern-Trilogie «Bluthaus», «Thomas» und «Koma». Auch das im November 2015 an...

So nah, so fern

Manchmal sieht man es erst auf den dritten Blick. Wenn Vaters schmuckes Jackett speckige Flecken bekommt, wenn Mutter nur noch Billigstfleisch beim Discounter kauft – oder  wenn das Kind nicht mit auf Klassenfahrt kann: Es strauchelt sich schnell in exakt jenem sozialen System, in dem der wahre Status getarnt sein will. Existenznot beginnt mit kleinen,...