Lucky gähnt

Experimentieren ohne Form, das Unfertige als Fetisch: ein Kommentar zur Münchener Musiktheater-Biennale

Lucky heißt der kleine gepunktete Hund. Sein Herrchen, ein grimmig blickender Kerl, versperrt den Weiterweg in den Eingeweiden des Gasteig-Kulturzentrums mit seinen Rohren und Tanks. Doch die Performance «Anticlock» geht weiter, später sogar per Bus in den Münchner Norden zu einer regennebelbesprühten, bemüht düsteren ­Installation, während der Fahrt allerdings nur mit blickdichten Schlafbrillen, so die Bedingung des Herrchens. Von einer anderen Dimension raunt derweil unsere blonde Fremdenführerin. Und das Tier reagiert vollkommen nachvollziehbar: Lucky gähnt.



Ganz anders sollte diese Münchener Musiktheater-Biennale eins nach der Ära von Peter Ruzicka sein. Fürs Zerreißen eines immer dichter ge- und versponnenen Festpielkokons wurde das Komponisten-Paar Manos Tsangaris und Daniel Ott geholt. Für ein Heraustreten aus dem Randbiotop mitten ­hinein in eine auf Kulinarik gepolte Metropole. Und wohl auch für augenzwinkernde Lockerungsübungen nach vielen krampfhaften Expeditionen auf vermeintlich neue Kontinente des Musiktheaters. Doch Tsangaris und Ott, gerade deshalb ist nach diesen knapp zwei Wochen die Enttäuschung so groß, sägten munter und in der Außenwirkung wenig koordiniert am ...

Weiterlesen mit dem digitalen Monats-Abo

Sie sind bereits Abonnent von Opernwelt? Loggen Sie sich hier ein
  • Alle Opernwelt-Artikel online lesen
  • Zugang zur Opernwelt-App und zum ePaper
  • Lesegenuss auf allen Endgeräten
  • Zugang zum Onlinearchiv von Opernwelt

Sie können alle Vorteile des Abos
sofort nutzen

Digital-Abo testen

Opernwelt Juli 2016
Rubrik: Magazin, Seite 73
von Markus Thiel

Weitere Beiträge
Von wegen Patina!

Zwei frühe Tondokumente des Dirigenten Carlo Maria Giulini, die auf dem deutschen Markt weitgehend ignoriert wurden, hat Günter Hänssler jetzt in seiner Profil-Edition neu aufgelegt. Sie bereichern die Diskografie dieses Musikers, auch in Hinblick auf sein Repertoire, in dem er später andere Schwerpunkte setzte.

«Iphigénie en Tauride», 1952 nach einer...

Faustisches Ringen

Hermann Hesses autobiografischer Roman «Der Steppenwolf» aus den 1920er-Jahren wurde nach 1968 nochmals zu einer Art Kultbuch: Als Chiffre für Antibürgerlichkeit war die Berufung auf das Wildtier ein Faszinosum. Erstaunlich eigentlich, dass Hesses multimotivischer, multiperspektivischer Roman bisher für die Opernbühne unentdeckt blieb. Was Hans Werner Henze,...

«Einen Plan B haben wir nicht»

Alejo Pérez suchte die Musik im Paradies. Hoch oben, wo die Fresko-Decke des Teatro Colón fast mit Händen zu greifen ist. Im «Paraíso», wie hier der höchste Rang heißt, stand Alejo als kleiner Junge an jedem nur möglichen Wochenende und blickte auf die Bühne. «Egal ob Oper oder Konzert – ich wollte dabeisein», erinnert sich Pérez, der jetzt zu den aufstrebenden...