Liebe ist nur eine Utopie

Peter Konwitschny versucht am Theater an der Wien, Jules Massenets «Thaïs» den Kitsch auszutreiben (was demnächst auf «ORF III» zu sehen sein wird), derweil des Meisters «Don César de Bazan» als Ersteinspielung zu erleben ist

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Der Asket, ätzte einmal Friedrich Nietzsche, mache aus der Tugend eine Not. Massenets Oper «Thaïs» konnte er damit nicht gemeint haben – deren Uraufführungsjahr 1894 fand ihn bereits in geistiger Umnachtung. Nichtsdestoweniger passt sein Aphorismus gut auf den Keuschheitsfimmel und die paulinisch geprägte Leibesfeindlichkeit des Mönchs Athanaël, der die Seele der Kurtisane Thaïs vermeintlich für Gott retten, dabei jedoch dem Stachel seiner eigenen Fleischlichkeit entkommen will.

Populär wurde «Thaïs» nicht zuletzt durch «Méditation», das g’schmackige Zwischenspiel im zweiten Akt, das unter Einwirkung von musikalischem Rosenduft Thaïs’ Bekehrung schildert. George Bernard Shaw verwies in diesem Zusammenhang mit der ihm eigenen Bissigkeit auf die orthografische wie inhaltliche Verwandtschaft zu «Médication»: Das Stück sei wie eine Einstiegsdroge zu spiritueller Verwirrung. Manchen mag es auch an Gemälde von Dante Gabriel Rossetti, William Waterhouse oder Friedrich Overbeck erinnern. Massenet ein Präraffaelit? Ein Nazarener der Musik? Auf jeden Fall verstand er sich vorzüglich darauf, musikalische Devotionalien zu konfektionieren – was er unter anderem mit seinem dem Leben der ...

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Opernwelt April 2021
Rubrik: Im Focus, Seite 25
von Gerhard Persché

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