Kühles Delirium
Normalerweise ist es umgekehrt. Sobald Komponisten sich ein Stück Literatur vornehmen, wird es durch die Musik verallgemeinert, im Tonfall gemildert, oft humanisiert. Was vom Schriftsteller als kühle Diagnose notiert ist, erscheint auf der Musikbühne als Anliegen von primär emotionaler Sprengkraft. So geschehen bei Bergs «Wozzeck», Strauss’ «Salome», Janáceks «Die Sache Makropulos», von Einems «Dantons Tod», Blachers «Yvonne» und vielen anderen Opern. «Der Spieler» nach Dostojewskis Roman aus dem Jahr 1866 gehört nicht in diese Reihe.
Prokofjew pustet Mentalitätsbeschreibungen, Seelenschau und Moral seiner Vorlage einfach weg. Er treibt ihre Skurrilitäten ins Extrem, überdreht ihr Tempo und kitzelt eine tragische Farce heraus. Nichts will diese Musik weniger als begleiten oder melodische Inseln schaffen. Sie macht, von vorne bis hinten, vor allem eins: Sie reißt den Text an sich. Sie malt ihn aus, sie verfolgt seine Brüche, Sprünge und übersetzt sie in plastische Orchesterfarben. Gern bläst sie Tonfälle ironisch auf, zieht sie ins Grelle, Überdeutliche. Sie verfertigt kühle Diagnosen und kichert sich dabei schlapp.
Was und wie die Figuren artikulieren, denken und verschweigen, ist ...
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Die feierliche Einleitungs-Sinfonia und die prachtvolle Schluss-Chaconne sind echte Ohrwürmer. Aber auch darüber hinaus hat Domenico Bellis «Orfeo dolente» (1615) dem Opernfreund einiges zu bieten. Der Florentiner «compositore di camera» scheint dem Mantuaner und Neu-Venezianer Monteverdi nämlich mit seinem «Gegen-Orfeo» den Fehdehandschuh hinzuwerfen. Bellis...
Als die dreizehnjährige Ballettschülerin Edith Aptowitzer am 14. März 1938 zum Unterricht in die Staatsoper will, tritt ihr ein Pförtner in den Weg. «Juden kommen hier nicht rein», erklärt er. Die heute 83-Jährige schildert den Vorfall mit stockender Stimme bei der Pressekonferenz zur Ausstellung der Wiener Staatsoper «70 Jahre danach – Täter, Opfer, Zuschauer»....
Der erste Schock stellt sich ein, wenn der Vorhang hochgeht. Man fühlt sich in ein Filmstudio oder ins Laientheater versetzt: links das Portal einer Kirche – die Handlung spielt 1414 zur Zeit des Konstanzer Konzils –, rechts das schmucke Fachwerkhaus des jüdischen Goldschmieds Eléazar, dazwischen ein Platz, der den Blick auf einen Wehrgang freigibt. Ein...
