In tiefer Einsamkeit
Manchmal braucht es keine aufwendigen Mittel, um große Wirkungen zu erzielen. Der überlange Tisch, an dem die Figuren im schlichten Bühnenbild von Norman Heinrich einander oft starr gegenübersitzen, weckt unweigerlich die Assoziation an das zynische Verhandlungsarrangement des russischen Kriegsverbrechers Wladimir Putin. An diesem Tisch sitzt Telramund, der alte, wütende Mann, als Blinder vor seinem Schachspiel, während Ortrud, giftblonde Funktionärin in königsblauer Uniform, für ihn die Figuren zieht.
Die angeklagte Elsa verkriecht sich darunter wie ein traumatisiertes, Schutz suchendes Kind. Lohengrin und König Heinrich bevorzugen für ihre großen Ansprachen die dem Publikum zugewandte Mitte des Tisches. Die Assoziation mit dem Kreml reicht aus, um eine Stimmung zu etablieren – und ist doch zugleich allgemein genug, um den Blick nicht zu verengen. Sie muss nicht szenisch durchdekliniert werden.
Patrick Bialdyga, Hausregisseur und künstlerischer Produktionsleiter der Oper Leipzig, widersteht der Versuchung, Wagners Oper eine politisierende Deutung überzustülpen. Man könnte diese Beobachtung natürlich auch umkehren und ihm genau dies, das Fehlen einer genialischen ...
Weiterlesen mit dem digitalen Monats-Abo
Sie sind bereits Abonnent von Opernwelt? Loggen Sie sich hier ein
- Alle Opernwelt-Artikel online lesen
- Zugang zur Opernwelt-App und zum ePaper
- Lesegenuss auf allen Endgeräten
- Zugang zum Onlinearchiv von Opernwelt
Sie können alle Vorteile des Abos
sofort nutzen
Opernwelt Mai 2022
Rubrik: Im Focus, Seite 26
von Julia Spinola
In Vincent Huguets «Don Giovanni»-Inszenierung an der Staatsoper Unter den Linden ist die Titelfigur ein Starfotograf, dessen Zeiten als die Frauen nach seinem Gusto einfach «vereinnahmender» Gigolo längst vorbei sind. Er wohnt in Berlin-Mitte und hat ein ironisches Plakat an der Hauswand hängen, auf dem die (zum Teil ehemaligen) Staatsoberhäupter Merkel und Macron...
Frau Viise, wir haben Sie erstmals 2019 bei «BAM!», dem Berliner Festival für aktuelles Musiktheater in der Volksbühne am Rosa-Luxemburg-Platz erlebt. Dort brachten Sie auf einer kleinen Bühne gerade stöhnend eine Plastikpuppe auf die Welt. Was war das für ein Projekt?
Das war ein Teil der 14-stündigen Version von «DOLLS», die am Kopenhagener Teater FÅR302 als ein...
Früher, da hieß Dubí Eichwald. Jetzt heißt Eichwald Dubí. Und das ist gut so. Heute wohnen etwa 8000 Menschen in dieser Kleinstadt in Nordböhmen, am «oberen linken Rand» von Tschechien. Die Wälder sind dicht, aus Lichtungen leuchten helle Hausfassaden hervor. Sonst sehen wir den Wald vor lauter (böhmischen) Bäumen kaum. Ein bayerischer Schriftsteller – Carl Oskar...
