In tiefer Einsamkeit

Sängerisch eine Wonne, szenisch prägnant: Richard Wagners «Lohengrin» an der Oper Leipzig

Manchmal braucht es keine aufwendigen Mittel, um große Wirkungen zu erzielen. Der überlange Tisch, an dem die Figuren im schlichten Bühnenbild von Norman Heinrich einander oft starr gegenübersitzen, weckt unweigerlich die Assoziation an das zynische Verhandlungsarrangement des russischen Kriegsverbrechers Wladimir Putin. An diesem Tisch sitzt Telramund, der alte, wütende Mann, als Blinder vor seinem Schachspiel, während Ortrud, giftblonde Funktionärin in königsblauer Uniform, für ihn die Figuren zieht.

Die angeklagte Elsa verkriecht sich darunter wie ein traumatisiertes, Schutz suchendes Kind. Lohengrin und König Heinrich bevorzugen für ihre großen Ansprachen die dem Publikum zugewandte Mitte des Tisches. Die Assoziation mit dem Kreml reicht aus, um eine Stimmung zu etablieren – und ist doch zugleich allgemein genug, um den Blick nicht zu verengen. Sie muss nicht szenisch durchdekliniert werden. 

Patrick Bialdyga, Hausregisseur und künstlerischer Produktionsleiter der Oper Leipzig, widersteht der Versuchung, Wagners Oper eine politisierende Deutung überzustülpen. Man könnte diese Beobachtung natürlich auch umkehren und ihm genau dies, das Fehlen einer genialischen ...

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Opernwelt Mai 2022
Rubrik: Im Focus, Seite 26
von Julia Spinola

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