IN ANFÜHRUNGSSTRICHEN
Der rote Lappen ist unten, aber nicht ganz, deshalb können wir sehen, wie sich da, trippelnd und dehnend, eine Schauspieltruppe warmläuft. Die Musik, ein ohrenöffnendes Klarinettensolo, suggeriert Behaglichkeit: «Es war einmal». Das Auge aber hat sich einzustellen auf Theater im Theater in Neonrahmen (gebaut von Vincent Lemaire), alles in Anführungsstrichen irgendwie. Rampentheater, aber von hinten.
– Es geschieht, wie sehr ungefähr bei Goethe nachzulesen ist, dass der junge, theaterbegeisterte Wilhelm die rätselhaft verstörte, seltsam androgyne Kindfrau Mignon aus der Gewalt des Impresarios Jarno befreit, wie er zwischen die Liebe dieses schwermütig somnambulen Wesens und eine Faszination für die überdreht kokette Philine gerät. Das klassische Dreieck, hier etwas kompliziert, weil die Fäden in einer dunklen, erst am Schluss erhellten Vergangenheit zusammenlaufen, wenn sich Mignons Begleiter, der verwirrte Harfner, als ihr Vater und aus Schmerz in Wahnsinn gefallener Schlossherr erweist. Für den Ausgang gab Thomas mehrere Varianten zur Auswahl: Tod der Mignon an gebrochenem Herzen (so Goethe), oder Versöhnung mit Philine und Vereinigung mit Wilhelm. Goetheanern war das immer schon ...
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Opernwelt Mai 2022
Rubrik: Panorama, Seite 53
von Holger Noltze
Sollte man nicht glücklich sein, wenn man eine hervorragende Inszenierung gesehen hat? Handelt es sich dabei um eine Inszenierung von Alban Bergs «Wozzeck», so ist die Frage, was «Glück» bedeuten kann, angesichts eines Werks, das schlichtweg perfekt ist, das aber an keiner Stelle (nirgends) so etwas wie «Hoffnung» zulässt.
Regisseur Simon Stone lässt uns auf...
Demokratie ist Diskussion. Sie muss Meinungsäußerungen der einen Seite aushalten, die für die andere eigentlich unerträglich sind. Die Rede des einen erlaubt die Gegenrede des anderen. Der Geist der Freiheit will es so. Die Griechen, deren Vorfahren einst die Demokratie erfanden, sind geübt darin, sie vertreten dieses Recht mit enormer Leidenschaft – lautstark und...
Es kommt nicht eben häufig vor, dass ein Komponist eine frühere Oper nach 30 Jahren wiederverwendet, ja, sogar als Prequel, als Vorläufergeschichte verwendet, um ein neues Musiktheaterwerk zu hoffentlich größerem Ruhm zu führen und damit auch dramaturgisch-erzählerisch zu rehabilitieren. Im Zeichen von Leonard Bernsteins letzter Oper «A Quiet Place» aus dem Jahr...
