IN ANFÜHRUNGSSTRICHEN
Der rote Lappen ist unten, aber nicht ganz, deshalb können wir sehen, wie sich da, trippelnd und dehnend, eine Schauspieltruppe warmläuft. Die Musik, ein ohrenöffnendes Klarinettensolo, suggeriert Behaglichkeit: «Es war einmal». Das Auge aber hat sich einzustellen auf Theater im Theater in Neonrahmen (gebaut von Vincent Lemaire), alles in Anführungsstrichen irgendwie. Rampentheater, aber von hinten.
– Es geschieht, wie sehr ungefähr bei Goethe nachzulesen ist, dass der junge, theaterbegeisterte Wilhelm die rätselhaft verstörte, seltsam androgyne Kindfrau Mignon aus der Gewalt des Impresarios Jarno befreit, wie er zwischen die Liebe dieses schwermütig somnambulen Wesens und eine Faszination für die überdreht kokette Philine gerät. Das klassische Dreieck, hier etwas kompliziert, weil die Fäden in einer dunklen, erst am Schluss erhellten Vergangenheit zusammenlaufen, wenn sich Mignons Begleiter, der verwirrte Harfner, als ihr Vater und aus Schmerz in Wahnsinn gefallener Schlossherr erweist. Für den Ausgang gab Thomas mehrere Varianten zur Auswahl: Tod der Mignon an gebrochenem Herzen (so Goethe), oder Versöhnung mit Philine und Vereinigung mit Wilhelm. Goetheanern war das immer schon ...
Weiterlesen mit dem digitalen Monats-Abo
Sie sind bereits Abonnent von Opernwelt? Loggen Sie sich hier ein
- Alle Opernwelt-Artikel online lesen
- Zugang zur Opernwelt-App und zum ePaper
- Lesegenuss auf allen Endgeräten
- Zugang zum Onlinearchiv von Opernwelt
Sie können alle Vorteile des Abos
sofort nutzen
Opernwelt Mai 2022
Rubrik: Panorama, Seite 53
von Holger Noltze
Joachim Herz war nicht nur ein ausgezeichneter Regisseur, er hatte auch eine so entschiedene wie eigenwillige Meinung über die Stücke, die er inszenierte. In einem Aufsatz von 1958 äußerte sich Herz ausführlich auch zu jenem Gespann, das bis heute gerne an einem Abend gezeigt wird – Pietro Mascagnis «Cavalleria rusticana» und Ruggero Leoncavallos «Pagliacci», den...
Der Dichter fabuliert im nächtlich narkotisierten Raum. Und eigentlich will er nur seiner Liebe Ausdruck verleihen. Doch das ist passé, die Angebetete hat ihn zurückgewiesen. Also zwinkert er ihr, mit gespitzter Feder, ein letztes Mal zu: «Sing nicht, du Schöne, sing nicht mehr, / Grusiniens gramerfüllte Lieder. / Sie rufen ferne Ufer her, / Sie wecken altes Leben...
Ach ja, das Leben. Schön ist es und schwer, doch nie ganz ohne Hoffnung, schließlich ist das Träumen bei allen Schicksalsschlägen, die man im Verlauf der (wie eine Windsbraut vorüberrauschenden) Jahre oder Jahrzehnte erleidet, immer erlaubt. Auf der Suche nach Beispielen für diese wehmütig-utopische Seins-Anschauung wird man in den beiden naturalistischen Romanen...
