Rede und Gegenrede
Demokratie ist Diskussion. Sie muss Meinungsäußerungen der einen Seite aushalten, die für die andere eigentlich unerträglich sind. Die Rede des einen erlaubt die Gegenrede des anderen. Der Geist der Freiheit will es so. Die Griechen, deren Vorfahren einst die Demokratie erfanden, sind geübt darin, sie vertreten dieses Recht mit enormer Leidenschaft – lautstark und heftig. Und sie tun dies nicht nur auf dem angestammten verbalen Kampfplatz der Agora, sondern sogar im hehren Haus der hohen Kultur, wie jüngst in der Greek National Opera.
Da steht der von Robert Wilson in Langsamkeit und Lichtmagie getauchte «Otello» auf dem Frühjahrsprogramm, die Inszenierung entstand in Koproduktion mit dem Festspielhaus in Baden-Baden. Doch der erste Ton des Abends entspringt nicht dem wild aufbrausenden Seesturm, aus dem sich die Titelfigur dann alsbald mit einem erlösend tenorpotenten «Esultate» rettet. Ein junger Tänzer betritt vor der Vorstellung die Bühne des spektakulären, ganz nah am Wasser gebauten neuen Kulturkomplexes. Um die Schultern trägt er eine Flagge in Blau-Gelb, den Nationalfarben der Ukraine. Er hat einen Zettel in der Hand, von dem er erst in griechischer, dann englischer Sprache ...
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Opernwelt Mai 2022
Rubrik: Magazin, Seite 84
von Peter Krause
Diese Frau. Wir kennen sie nicht. Und doch wissen wir instinktiv, wer sie ist, was mit ihr geschieht. Oder bereits geschehen ist? Ganz klar wird das nicht. Sichtbar sind nur jene Tränen, die in Zeitlupe erst über die linke, dann über die rechte Wange kullern. Und ihre Augen, die uns fixieren, über Minuten, und deren Ausdruck anmutet wie der flehentliche Versuch,...
Anlässlich des 50. Jahrestages des Kennedy Center hatte Francesco Zambella, Intendant der Washington National Opera, vier kurze Werke in Auftrag gegeben, die sich mit der Geschichte und Identität des Kennedy Center befassen sollten. Im Mittelpunkt stand dabei der Begriff des «Monuments» und damit die kontrovers diskutierte Frage, wie ein Gedenken an den Konflikt...
Überall in Russland wird das Fernbleiben ausländischer Künstlerinnen und Künstler inzwischen schmerzhaft spürbar. Das Bolschoi-Theater verschob alle geplanten «Lohengrin»-Aufführungen aus Mangel an geeigneten Darstellerinnen und Darstellern auf unbestimmte Zeit. Auch das Programm der Moskauer Philharmonie hat sich auffallend verändert; als Ersatz für große...
