Ihr Sehnen, sein Wähnen

Ilaria Lanzino taucht bei Korngolds «Toter Stadt» an der Staatsoper Hannover tief in die Seelen der Figuren ein, Mario Hartmuth beweist ein feines Gespür für die leise Vielfarbigkeit der Partitur

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Les frères Jacques» der französischen Gelehrtenrepublik, Jacques Derrida (für die Philosophie) und Jacques Lacan (für die Psychoanalyse), betraten mit ihren geflügelten Sentenzen über das Phänomen des Weiblichen diffiziles Terrain. Derrida dekretierte leichthin und mit ironischem Unterton, die Frau gewähre die Idee, sei also so etwas wie ein personifiziertes Aphrodisiakum, Lacan hielt sie sogar gleich für ein Symptom des Mannes, das als universelles Konzept nicht vorkäme: «La femme n’existe pas».

Paul, dem Trauerkloß in Korngolds Oper «Die tote Stadt», helfen derlei idiosynkratisch-dekonstruktivistische Begriffsübungen wenig. Er kämpft sehr real mit der Tatsache, dass Marie gestorben ist, die verklärende Erinnerung an sie legt sich wie Mehltau auf sein Denken und Empfinden. Und spätestens in dem Moment, als er der Tänzerin Marietta begegnet, besteht das In-der-Welt-Sein dieses Mannes, der zweifelsohne an Akrasie leidet, nurmehr aus Obsessionen. So schwer vernebelt ist sein Blick, dass er daran glaubt, Marietta sei, obwohl sie ihm nur als Projektion, als Einbildung dient, eine konkrete Erscheinung. Und diese Erscheinung ereilt ihn. Unversehens, jäh, hinterrücks, überladen mit ...

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Opernwelt Juli 2026
Rubrik: Im Focus, Seite 14
von Jürgen Otten

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