HALLELUJAH!
Hybris tat noch keinem Herrscher gut. Auch der römische Kaiser Elagabal, der sich selbst für gottähnlich hält und seine Untertanen so lange unterdrückt, quält (und im Falle der stolzen Eritea sogar vergewaltigt), bis der Tyrannenmord, gleichsam als Ultima Ratio, unausweichlich wird, scheitert letztlich an dieser eklatanten Charakterschwäche. Hört man die Musik, mit der Francesco Cavalli 1667 seine Geschichte «einkleidet», dann überrascht doch ein wenig der milde Ton, ja, sogar die Anmut, mit der Cavalli sich des dramatischen Sujets annimmt.
Und selbst in einem Klagegesang wie der Szene «Vanne ò scoglio animato … Servi e soffri» vermag sich Cavalli nicht von seinen ästhetischen Idealen verabschieden. Auch das Leiden, der Schmerz, die Rachegelüste scheinen durch die Klänge selbst besänftigt.
Anna Prohaska bietet der Auftritt die Gelegenheit, ihre bekannten Qualitäten auszuspielen: den weitgespannten, fein phrasierten Atem, ihren in der Höhe irisierenden und leuchtenden Sopran, die singuläre Fähigkeit zur Pointierung sowie die hohe Kunst der Textausdeutung. Jede Nuance ist hier berücksichtigt, rhetorisch untermauert, sauber artikuliert, verklanglicht. Und eingebunden in eine ...
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Opernwelt Mai 2022
Rubrik: Hören, sehen, lesen, Seite 35
von Jürgen Otten
Dass Johannes Brahms’ Musik lange auch mit den Worten «grüblerisch, kühl, klangarm und voll allzu bedrückender Schwermut» charakterisiert wurde (so eine Wiener Rundfunkzeitung zu seinem 100. Geburtstag), ist vermutlich auch auf ein Urteil Friedrich Nietzsches zurückzuführen. In einer seiner bekannt bissigen Invektiven bezichtigte Nietzsche den Komponisten der...
Es kommt nicht eben häufig vor, dass ein Komponist eine frühere Oper nach 30 Jahren wiederverwendet, ja, sogar als Prequel, als Vorläufergeschichte verwendet, um ein neues Musiktheaterwerk zu hoffentlich größerem Ruhm zu führen und damit auch dramaturgisch-erzählerisch zu rehabilitieren. Im Zeichen von Leonard Bernsteins letzter Oper «A Quiet Place» aus dem Jahr...
Selbsterkenntnis kann einem auch am Schalter in der Frankfurter Bahnhofshalle drohen. Wenn zum Beispiel die Dame den Ticketkäufer freundlich darauf hinweist, ab 60 sei die Bahncard doch billiger. Allein, Christian Gerhaher, am Morgen nach einem «Don Giovanni» unterwegs, war da gerade mal 44. Sicher unausgeschlafen, ein wenig zerzaust, vielleicht sogar mürrisch. Die...
