Eine Frage der Ehre
Joachim Herz war nicht nur ein ausgezeichneter Regisseur, er hatte auch eine so entschiedene wie eigenwillige Meinung über die Stücke, die er inszenierte. In einem Aufsatz von 1958 äußerte sich Herz ausführlich auch zu jenem Gespann, das bis heute gerne an einem Abend gezeigt wird – Pietro Mascagnis «Cavalleria rusticana» und Ruggero Leoncavallos «Pagliacci», den (neben Umberto Giordanos «Andrea Chénier» und «Fedora») wichtigsten Werken des Verismo.
Nur Gedankenlosigkeit könne die tiefe Kluft zwischen diesen Schöpfungen übersehen, in denen angeblich «die Wirklichkeit des Alltags für die Opernbühne» entdeckt werde (was, so Herz mit Ingrimm, unrichtig sei, da «gesungener Alltag ein Unding» sei). Zwar gäbe es auf den ersten Blick einige Gemeinsamkeiten: Beide Werke spielten an einem Festtag, in beiden Fällen betrüge eine Frau ihren Mann und führe die Eifersucht eines zurückgestoßenen Menschen die Entdeckung herbei, nach welcher der Liebhaber mit seinem Blut den Ehebruch bezahlen müsse. Dennoch: «Cavalleria» besitze, als ein «realistisches Kunstwerk», die Wucht einer Tragödie und die Naivität eines Volksstückes. «Pagliacci» hingegen sei, als ein Dokument des Naturalismus, (eines ...
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Opernwelt Mai 2022
Rubrik: Im Focus, Seite 24
von Jürgen Otten
Nur einmal in der Geschichte der Met, 1979 war das, wurde Verdis «Don Carlos» bislang mit dem dramaturgisch so ungemein wertvollen Fontainebleau-Akt gegeben. Insofern war es eine gute Entscheidung des Hauses, als Grundlage für die aktuelle Produktion auf die fünfaktige französischsprachige Erstfassung zurückzugreifen – allerdings (und dies nicht eben zum Vorteil...
Hören Sie – die Stille – kann man sie hören?» Eine Rhetorik der permanenten zweifelnden Zurücknahme oder halben Dementierung prägt das vom Komponisten stammende Libretto, sein zweites nach seinem ebenfalls an der Nederlandse Opera uraufgeführten «Orest». «Ich habe ihn geliebt – liebte ich ihn?» Vagheit, von der schon Berlioz im Hinblick auf eine neue Ästhetik der...
Sollte man nicht glücklich sein, wenn man eine hervorragende Inszenierung gesehen hat? Handelt es sich dabei um eine Inszenierung von Alban Bergs «Wozzeck», so ist die Frage, was «Glück» bedeuten kann, angesichts eines Werks, das schlichtweg perfekt ist, das aber an keiner Stelle (nirgends) so etwas wie «Hoffnung» zulässt.
Regisseur Simon Stone lässt uns auf...
