Giga-Gaga
Nach würzigem Sugo duftete diese Jugend, so erfahren wir bei der Gala, und sie klang nach den Schlagern von Rita Pavone – aber auch nach der kleinen Cecilia selbst. Als Neunjährige sang sie den «Tosca»-Hirten, schon damals trainiert von Mama Silvana. Die sitzt nun im Großen Festspielhaus, und als eine alte «Traviata»-Aufnahme von ihr eingespielt wird, erhebt sich das Publikum: Jubel, Tränen, Trampeln. Es sind zwar noch einige Tage hin, doch die Künstlerische Leiterin Cecilia Bartoli feiert ihren 60.
Geburtstag mit dem ihr so eigenen, überfallartigen Temperament, nämlich mit der von Regisseur Davide Livermore eingerichteten Personality-Show «Ciao, bella ciao». Und natürlich mit einer Premiere zwei Tage zuvor. Gioachino Rossini, der Leib-, Magen- und Schicksalskomponist des Stars, ist wieder mal dran bei den Salzburger Pfingstfestspielen.
«Il viaggio a Reims» erfährt in diesem Feierfall eine charmante autobiographische Verfälschung. Wo stückgemäß Blaublüter unterwegs sind zur Krönung Karls X., ist ihr Ziel hier die Geburtstagsgala von «La Ceci», ebenfalls in der Kathedrale zu Reims. Die Katastrophe ist in beiden Versionen identisch. Die Pferde für die Weiterreise sind weg, die im Hotel zur Goldenen Lilie Gestrandeten vertreiben sich die Zeit mit Arien, Duetten, Ensembles, dem Besingen verlorener Hüte, notwendiger Reisekassen, nationaler Hymnen-Eigenheiten, erotischer Aufwallungen und ähnlich existenzieller Dinge. Das Stück ist ein Nichts, mehr Pasticcio, «Warten auf Godot» auf Speed – und vielleicht das Beste, das Rossini je fürs Theater schrieb.
Handlung? Es gibt Wichtigeres. Eine Einladung zum Giga-Gaga, die Barrie Kosky (wer sonst?) bereitwillig annimmt. 2025 glückte ihm in Salzburg das genialische Vivaldi-Pasticcio «Hotel Metamorphosis», ein Jahr später provoziert der neue Bartoli-Buddy auch Stirnrunzeln. Schon zur Pause taumelt mancher Premierengast luftschnappend auf die Hofstallgasse vor dem Haus für Mozart: Ein Betablocker oder ein Humpen Baldrian, das wär’s jetzt. Wo Rossini gelegentliche Ruhezonen einrichtet, tritt Kosky das Gaspedal erst recht durch. Die aufgeschrillten Figuren sind dem Karikaturen-Musterbuch entsprungen. Die Kostüme von Victoria Behr bieten eine Überdosis Augenfutter. Und die Schwarz-Weiß-Schlieren im Bühnenbild von Rufus Didwiszus beschwören den Stil einer Rossini-Legende herauf, es ist Jean-Pierre Ponnelle. Dessen punktgenau auf die Musik inszenierte Aktionen treibt Kosky mindestens zwei Umdrehungen weiter. Das Gesangspersonal wirft sich förmlich in die Rossini-Disco, ein queeres Tanz-Ensemble setzt noch einen drauf. Eine perfekt getimte Revue ist das, minutiös choreographiert, synchrones Türenknallen inklusive. Kosky denkt bei «Il viaggio a Reims» – mit Recht – an die Komödien eines Georges Feydeau. Doch diese Rossini-Maschine läuft irgendwann leer und heiß, die explodierende Harfe im letzten Viertel des Abends ist das (ungewollte?) Symbol dafür. Wo alles rast, bleibt kein Raum mehr für Fallhöhen, fürs Innehalten, für Kontraste und Zwischentöne. Über solche Momente inszeniert Kosky aufgekratzt hinweg, in seiner Euphorie kommt ihm der Sinn fürs rechte Maß abhanden.
So unterhaltsam wie erschöpfend ist dieser Abend, und damit ist nicht allein das Publikum gemeint. Sängerinnen und Sänger sind mit Dauer-Dampf unterwegs, und das hört man auch. Kaum eine Arie, in der Linien konzentriert nachgezeichnet werden, in der sich Stimmen beruhigen können. Vieles ist uneben gesungen, diffus in der Intonation, meist eine Spur zu hoch. Bei hinreißenden Naturkomikerinnen wie Mélissa Petit (Contessa di Folleville) oder Tara Erraught (Madama Cortese) blendet man das ungesunde Vokalflirren bald aus. Dmitry Korchak (Conte di Libenskof) findet erst nach der Pause zur Tenorbalance, Kollege Edgardo Rocha (Cavalier Belfiore) nimmt von Anfang an die Stimme zurück und erzielt gesündere Ergebnisse. Misha Kiria darf als Barone di Trombonok und Wiedergänger von Wilhelm I. herzhaft poltern, Marina Viotti (Marchesa Melibea) gibt den pistolenschwingenden Mezzo-Vamp. Ildebrando D’Arcangelo (Lord Sidney) trickst mit spätherbstlichem Bassbariton. Florian Sempey ist ein juveniler Don Profondo, hat jedoch kaum Zeit und Muße für die Feinjustierung.
Letzteres bleibt die Domäne von Cecilia Bartoli. Die Corinna ist nicht die größte Partie in «Il viaggio a Reims», aber die inniglichste. Wieder einmal unterstreicht das die vokale Klugheit des Superstars: Was sie nicht mehr kann, weiß die Bartoli genau, was noch funktioniert ebenso – und das ist sehr, sehr viel. Ihre beiden Arien zelebriert sie als Augen im Opernsturm, mit exquisiter Tongebung und erlesenem Vokalbesteck, verziert und geziert bis zur Selbstironie. Alles an diesem Abend wird in diesen Momenten in den Schatten gestellt, ein stiller Triumph. Sogar Gianluca Capuano schaltet mit Les Musiciens du Prince – Monaco zwei Gänge zurück. Ansonsten serviert er Rossini mehr als al dente. Mit einem blitzenden, geschärften, teils überrumpelnden Klangbild. Mit kleinen stückfremden Implantaten bis hin zum Bach-Choral. Vor allem aber mit Details und Pointierungen, die man selbst von den Muster-Aufnahmen eines Claudio Abbado nicht kannte. Dessen «Il viaggio a Reims», die er 1984 fürs Festival von Pesaro entdeckte, wird ewiger Maßstab bleiben. Nicht weniger als 14 weltbeste Rossini-Sänger, so unterstreicht diese legendäre Produktion, werden für diese Oper benötigt, Salzburg hat nicht einmal die Hälfte.
Egal, das Publikum ist am Ende erwartbar aus dem Häuschen – auch wenn während der Aufführung manche Regie-Pointe fehlzündet und mäßigen Applaus provoziert. Traditionell wird die Produktion im Sommer wiederaufgenommen, eine Gala-Vorstellung inklusive, da wird der 60. der Bartoli nachgefeiert. Der übertourige Eskapismus hat ja noch einen Vorteil, und zwar für die Entscheidungsträger in Stadt, Land und Festspiel-Kuratorium: Der geschasste Intendant Markus Hinterhäuser ist zumindest für die Pfingsttage kein Thema mehr. Eine Produktion wie Opium fürs Kulturvolk.
Rossini: Il viaggio a Reims
SALZBURG | PFINGSTFESTSPIELE | HAUS FÜR MOZART Premiere: 22. Mai 2026
Musikalische Leitung: Gianluca Capuano
Inszenierung: Barrie Kosky
Bühne: Rufus Didwiszus
Kostüme: Victoria Behr
Licht: Franck Evin
Solisten: Cecilia Bartoli (Corinna), Marina Viotti (Marchesa Melibea), Mélissa Petit (Contessa di Folleville), Tara Erraught (Madama Cortese), Edgardo Rocha (Cavalier Belfiore), Dmitry Korchak (Conte di Libenskof), Ildebrando D’Arcangelo (Lord Sidney), Misha Kiria (Barone di Trombonok), Peter Kellner (Don Alvaro), Giovanni Romeo (Don Prudenzio), Helena Rasker (Maddalena) u. a.
www.salzburgerfestspiele.at
Opernwelt Juli 2026
Rubrik: Im Focus, Seite 12
von Markus Thiel
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